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		<title>dran.de: Aktuelle Themen</title>
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		<description>Aktuelle Themen</description>
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		<lastBuildDate>Thu, 29 Jul 2010 09:09:07 +0200</lastBuildDate>
		
		
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			<title>Wenn der Wandel verunsichert</title>
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			<description>Alan Roxburgh weiß, wie man Gemeinden aufbaut. Seit dreißig Jahren gründet und verändert er...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Viele Gemeinden bemerken, dass sich die Welt verändert. An welchen Merkmalen machst du diese Veränderungen fest?</h3>
<p class="bodytext"> Die Veränderungen machen sich für mich fest an den Ängsten, die wir bei der Bevölkerung in Nordamerika feststellen: Die Leute machen sich Sorgen um ihre Sicherheit und haben das Gefühl, dass auch ihre wirtschaftliche Existenz kaum gesichert ist. Man sieht das im wachsenden Misstrauen gegenüber den primären Institutionen unserer Gesellschaft, wie der Politik, der Bildung, dem Rechtssystem, der Kirche, die eigentlich das Fundament unserer Gesellschaft gewesen sind. Sie haben auch nicht mehr das Gefühl, dass diese die Antworten bringen können für den Berg von Herausforderungen, vor denen wir stehen. Man sieht das in den Filmen und in den Fernsehprogrammen, wo auf einmal übernatürliche Wesen auftauchen, um die Herrschaft über die Dinge an sich zu reißen. Und dort, wo sich Leute aus dem öffentlichen Leben zurückziehen ins Private, sie immer mehr Geld ausgeben, um sich große Flachbildschirme zu kaufen und sich ihr Heimkino einzurichten. Wo sie sich wie in einen Kokon zurückziehen, um sich vor der bösen Welt zu schützen. </p>
<h3>Warum funktioniert deiner Meinung nach Kirche nicht mehr? </h3>
<p class="bodytext">Es gab vier Gründe für den Erfolg der Kirche in Nordamerika im zwanzigsten Jahrhundert, ohne dass ich das kritisieren möchte. Das Erste war Sex, und ich meine das nicht abwertend: Es gab einfach viele Kinder, die unsere Kirchenbänke wieder gefüllt haben. Seit den Siebzigerjahren, mit Beginn der Geburtenkontrolle, haben die Leute zwar immer noch viel Sex, aber weniger Babys.</p>
<p class="bodytext">Den zweiten Grund, warum Kirche im zwanzigsten Jahrhundert so erfolgreich war, nenne ich Loyalität. Wenn man als Presbyterianer oder als Baptist geboren wurde, ist man das sein Leben lang geblieben. Man blieb seiner Marke, seiner Firma und seiner Konfession treu. Wir leben nicht mehr in einer solchen Welt.</p>
<p class="bodytext"> Den dritten Grund nenne ich die Vierzigvierzig- Welt. Im zwanzigsten Jahrhundert arbeiteten Männer und Frauen vierzig Stunden pro Woche und bekamen nach vierzig Jahren ihre garantierte Rente. Die Menschen lebten mit einem hohen Grad an Sicherheit und Vorhersagbarkeit. Das ermöglichte ihnen einen großen Spielraum für ehrenamtliches Engagement: Die Kirchen im zwanzigsten Jahrhundert lebten quasi durch das Ehrenamt. Dieser Raum verschwindet zunehmend in der globalisierten Kultur, in der die Menschen nicht mehr diese Sicherheit haben und 24 Stunden an sieben Tagen der Woche arbeiten. Und der vierte Grund: Es war eine Welt, in der die Menschen gut durchgeführte Programme und gut organisierte Systeme für ihre Vorhersagbarkeit liebten. Wir erschufen Leiter, die im Grunde Programmmanager waren. In einer pluralistischen, multioptionalen Gesellschaft können solche Programme mit anderen Angeboten kaum noch konkurrieren. Das sind vier Gründe, warum es Kirche im zwanzigsten Jahrhundert so gut ging. Aber was ich noch betonen will: Die Leiter machten das wirklich gut. Und wenn du und ich in dieser Zeit gelebt hätten, hätten wir es wahrscheinlich auch so gemacht. Die Welt hat sich verändert, die Kultur hat sich verschoben, und jetzt brauchen wir plötzlich ganz andere Fähigkeiten und Kapazitäten.</p>
<h3>Du plädierst für eine Experimentierkultur, die Freiheit lässt, Fehler zu machen und sich auszuprobieren. Wie soll das gehen? </h3>
<p class="bodytext">Wir bauen jetzt Gemeinde an diesem ganz anderen Ort, an dem unsere bisherigen „kulturellen Landkarten“ nicht mehr funktionieren. (Anm. d. Red.: Alan verglich die veränderte Welt mit einem ganz neuen Ort, an dem unsere bisherigen Karten nicht mehr funktionieren. Er demonstrierte das, indem er eine herkömmliche Straßenkarte von einer Stadt mit einem Satellitenbild verglich, was die Internetverbindungen desselben Ortes aufzeigte.) Viele Menschen sind verwirrt und reagieren mit Angst. Und wenn man an diesem Ort auf einmal kreativ wird, dann entstehen zwei Dinge gleichzeitig: Sicherheit und Experiment. Das klingt zuerst gegensätzlich, ist es aber nicht. Zu allererst schafft man Wege, auf denen man Stabilität und Sicherheit vermittelt. Das geschieht, indem man Leute, die von einer bestimmten kirchlichen Tradition geprägt sind, fragt, was sie brauchen, um das Gefühl der Sicherheit und Stabilität zu erleben. Und inmitten all dessen fragt man dann: Was sind kleine Experimente, die wir riskieren können? Wie können Leute ausprobieren, was es bedeutet, Volk Gottes an diesem neuen Ort zu sein? Genauso haben wir selbst gelernt, als wir groß geworden sind. Ich habe meinem Schwiegersohn mit seinen zwei kleinen Jungs, fünf und sieben Jahre alt, zugeschaut, als er ihnen das Fahrradfahren beibrachte. Als allererstes vermittelte er ihnen Sicherheit. „Ich lasse dieses Fahrrad nicht los. Du bist sicher, alles ist in Ordnung, ich habe alles im Griff.“ Und dann ließ er los und sie fuhren alleine. Und wenn sie drohten, abzuschmieren, dann fi ng er sie wieder auf. Und dann irgendwann fuhren sie alleine. Das ist die Art, wie wir es in unseren Gemeinden auch machen müssen. </p>
<h3>Was kann ich als junger Mensch tun, wenn meine Gemeinde zu festgefahren ist und ich keine Unterstützung für Experimente von den Leitern bekomme? </h3>
<p class="bodytext">Das ist ein schwieriges Problem. Es gibt solche Gemeinden, in denen die Leiter feststecken und keine Experimente dulden. Das ist sehr schwer für junge Leute, und ich mache ihnen keinen Vorwurf, wenn sie frustriert sind und ungeduldig werden. Aber ich frage mich, ob sie in ihrer Ortsgemeinde nicht ein paar andere Leute fi nden, vielleicht ein paar ältere Leute, mit denen sie über ein paar ihrer Fragen und Sehnsüchte reden können. Ich kann mir aber auch Szenarien vorstellen, in denen ein junger Mensch sagen muss, hier geht nichts mehr und hier muss ich einfach gehen. Das ist aber der letzte Ausweg. Einer der großen Fehler, die ich als junger Mann gemacht habe: Ich dachte wirklich, wenn es die Alten nicht kapieren, dann muss man einfach weiterziehen. Ich bin kein geduldiger Mann, ich liebe es, wenn Veränderung geschieht. Aber ich bin davon überzeugt, dass wirklich tiefe Veränderung es erfordert, dass wir alle zusammen daran arbeiten. Und immer dann, wenn junge oder alte Leute wie ich frustriert sind und wir uns zurückziehen und gehen, dann schaffen wir keine tiefe Veränderung, sondern nur eine neue coole und sexy Sache, die für eine Weile hält und dann wieder verblasst. Ich wünschte mir, das wäre anders. Denn ich möchte auch lieber einfach losziehen und die „sexy Sache“ in Angriff nehmen. Die Erfahrung lehrt mich, dass es so nicht funktioniert. </p>
<h3>Wenn ich Veränderung möchte, wie kann ich sie initiieren?</h3>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext">In einer örtlichen Gemeinde? Okay: Wie wäre es, ein paar Großeltern zusammenzubringen und du lädst sie zum Essen zu dir nach Hause ein. Und dazu lädst du noch ein paar von deinen Freunden ein, die nie auch nur in die Nähe einer Kirche gehen würden. Du kochst ein tolles Essen. Und du lädst sie ein, einander ihre Geschichten zu erzählen. Mach das zusammen mit einem älteren Freund, jemandem, der altersmäßig dazwischen ist. Und dann, später in der Kirche, an einem sicheren, warmen Ort mit viel Kaffee und Tee, setz dich zu diesen Großeltern und frag sie, was sie alles von diesen jungen Leuten gehört haben. Und meistens, wenn sie sich sicher fühlen, dann werden sie Sachen wie diese sagen: „Das ist nicht mehr die Welt, in der ich groß geworden bin. Diese wunderbaren jungen Menschen haben Geschichten, die sind nicht so wie meine Geschichten. Ich beginne zu erkennen, dass die Gemeinde, zu der ich gehöre, nicht die ist, zu der sie gehören können.“ Und ohne jemanden zu blamieren oder zu richten, schaffst du einen Raum, wo eine neue Frage gestellt werden kann: Wie wäre es denn, eine Gemeinde für solche jungen Leute zu schaffen? </p>
<h3>Du würdest sagen, Geduld ist sehr wichtig? </h3>
<p class="bodytext">Ich würde sagen, Zeit spielt keine Rolle. Wir sind in einer Kultur, die immer denkt, wir hätten keine Zeit. Es ist Gottes Zeit, nicht unsere. Und zu Gottes Zeit haben wir die Gelegenheit, über den Jesus zu reden, den wir lieben. </p>
<h3>Wie bekomme ich die Leute dann in die Kirche, wenn sie sich für Jesus interessieren? </h3>
<p class="bodytext">Die Antwort ist erstaunlich simpel, aber gleichzeitig sehr schwierig. Vielleicht erinnerst du dich an Petrus und seinen Bruder Johannes, die Jesus nachfolgen. Als sie zu Jesus kommen, fragen sie ihn: „Wer bist du und was machst du?“ Und Jesus sagt: „Kommt und seht!“ Es geht viel darum, bereit zu sein, am Tisch deiner Freunde zu sitzen, aus deinem Leben zu erzählen und darauf zu warten, dass sie fragen: „Wie machst du das? Wie lebst du?“ Weil wir dann sagen können „Komm und guck’s dir an!“ Dann allerdings kriegen wir ein weiteres Problem: unsere Gemeindekultur. Man kann einen ganzen Gottesdienst lang da sitzen und wieder gehen und keiner hat einen willkommen geheißen. Die wirkliche Herausforderung besteht darin, die Leute in unserer Gemeinde aufzuwecken, damit sie den anderen überhaupt wahrnehmen. Das Problem in Nordamerika ist, dass die meisten Gemeinden es total falsch anpacken. Sie bilden Leute aus und gründen ein Begrüßungskomitee. Du läufst in eine Kirche rein und siehst die Leute mit ihrem großen Lächeln und dem Anstecker, der dich willkommen heißt. Und die grundlegende Botschaft eines solchen Begrüßungskomitees ist: Wir wissen nicht, wie man normale zwischenmenschliche Beziehungen hat, deswegen haben wir ein paar Leute ausgebildet, die das für uns machen. Du hast keine Ahnung, in wie vielen Gemeinden die mit diesem Anstecker die einzigen Personen waren, die mich auf mich zugegangen sind. Das ist ein komplexes Problem. </p>
<h3>Was mache ich, wenn die Leute gar kein Interesse haben, jemals überhaupt in die Kirche zu kommen oder Jesus kennenzulernen? </h3>
<p class="bodytext">Du liebst sie als Freunde und bist mit ihnen unterwegs als Freund. Weil das Kriterium nicht ist, ob sie Interesse an Jesus haben. Wenn unsere Freundschaft davon abhängt, ob sie sich für Jesus interessieren oder nicht, dann zeigen wir damit nicht die Liebe Jesu!</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><i>Interview: Judith Goppelsröder.<br />Übersetzung: Peter Aschoff, Judith Goppelsröder</i></p>
<h3>Alan Roxburgh … ... hat seit mehr als dreißig Jahren Gemeinden gegründet und aufgebaut und bestehende durch Veränderungsprozesse geleitet – in ländlichen Gegenden, Vororten und im Zentrum großer Städte. Er ist Autor mehrerer Bücher über Mission und Gemeindeentwicklung und berät im Rahmen des „Roxburgh Missional Network“ einzelne Gemeinden, wie auch ganze Denominationen in Nordamerika, Asien, Australien und Europa.</h3>]]></content:encoded>
			<category>dran_workshop</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 09:09:07 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>&#132;Liebe ist politisch&#147;</title>
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			<description>Die Musik ist klug, konsumkritisch, selbstreflektiert. Hinter dem Drum&amp;Bass-inspirierten Elektropop...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Ein seltenes Glück, wenn Künstler ihr Ego einem Projekt wie diesem widmen. Ward ihr sofort dabei?</b></p>
<p class="bodytext"><b>Joe</b>: Als Manu mit dem Projekt und den fertigen Samples ankam und ich wusste, dass Mischa und ich texten, da war das für mich gar keine Frage, weil ich es künstlerisch extrem spannend fand. Bei mir ist das so, dass ich in den letzten Jahren sehr viel „fromme Dienstleistung“ gemacht hab – ich bin auf ’ner Menge Compilations drauf. Irgendwann ist dann die Luft raus, wenn man über Jahre nur Lobpreis, immer wieder Lobpreis macht. Und die eigene künstlerische Kreativität liegt daneben brach. Das war mal wieder ’ne Aktion, wo ich mich um meine eigene künstlerische Identität kümmern konnte und mehr Freiraum im Songwriting hatte.</p>
<p class="bodytext"> <b>Mischa</b>: Wir haben versucht, nicht gleich wieder in gewohnte Mechanismen zu verfallen. Du läufst sonst Gefahr, Stereotype zu produzieren. Deswegen haben wir anfangs sehr breit gestreut, haben Brainstormings gemacht, um uns dem Projekt inhaltlich anzunähern.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>stadtklangfluss tritt mit einem Anspruch auf, den man im besten Sinne gesellschafts- und konsumkritisch nennen kann. Gibt es eine Renaissance der Gesellschaftskritik?</b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Manu</b>: Es entsteht mehr und mehr Bewusstsein für diese Themen – Themen, die früher Sache von Nischengruppen waren, also von den Linken oder den Ökos oder den Evangelikalen, bekommen eine viel größere Breite und gehen über diese Grenzen hinweg. Ein Begriff, der da auch durch mein Vatersein reingekommen ist, ist der Begriff „Verantwortung“. Wenn ich gesellschaftliche Themen ernst nehme, beeinflusst das eben auch meine künstlerische Äußerung in dem Sinne, dass ich mich nicht nur zur eigenen Selbstverwirklichung betätige, sondern etwas bewirken will. Was auch immer das heißt: Es muss ja nicht missionarisch sein oder plakativ Leuten sagen „so und so müsst ihr sein“.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"> <b>Mischa</b>: Wenn man sich anschaut, was die Musik und die Literatur so in den letzten Jahrzehnten gebracht haben, das war viel Kreisen um die eigene Befindlichkeit und den Status quo. So was wie Generation Golf. Ein Katalogisieren und innerliches Reflektieren darüber, wie wir uns mit bestimmten Dingen fühlen. Beim Thema Konsum ging es vor allem darum, wie fühl ich mich im Bezug auf Marken, Images, Stile und so weiter. Die Hintergründe und Auswirkungen unseres Handlens waren völlig ausgeblendet. Auch bei mir, ich glaube aber, es ist an der Zeit, endlich einen Schritt weiter zu gehen und adäquate Ausdrucksformen für die brennenden Themen der Zeit zu finden.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Das hängt jetzt aber wieder mit euren Befindlichkeiten diesen Dingen gegenüber zusammen ... </b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Joe</b>: Ja, natürlich. Das liegt auch an persönlicher Reife, aber nicht nur: Das hat einfach viel mit Information zu tun. Ich denke nicht, dass die Mehrheit der Gesellschaft in den Siebzigerjahren sich dafür interessiert oder danach gefragt hat, wo zum Beispiel adidas hergestellt wird. Wir können uns heute aus dieser Verantwortung nicht mehr rausreden. Ab dem Moment, in dem ich weiß, dass eine Schuhmarke in Indien produziert, wo Leute in der Salzlache stehen ohne Schutzkleidung, da kann ich doch nicht mehr sagen: Ist mir doch egal, ich kauf trotzdem die Schuhe für 20 Euro.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Mischa</b>: Ich habe begonnen, meine Lebensmittel weniger im Supermarkt sondern regional und von nachhaltig wirtschaftenden Betrieben einzukaufen. Und es schmeckt besser. Aber wir sehen uns nicht als die, die schon fertig sind und zeigen, wie’s funktioniert. Wir sehen uns als Suchende auf diesem Weg, formulieren ein Unbehagen und möchten mit unseren Möglichkeiten etwas in Bewegung setzen, auch für uns selbst.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Ist</b><b> es das, was ihr mit der Textzeile meintet „Fragen zu stellen ist eine Frage der Liebe“?</b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Manu</b>: Das war ja lange das Problem, dass Musik Antworten geben musste. Strophe: Problem. Refrain: Lösung. Jesus. Das ist natürlich tief in meinem Herzen genauso verankert – Jesus steht am Ende. Aber ich komm doch mit dem Sachverhalt der Welt nicht weiter, wenn ich dauernd nur Statements gebe wie „Ja, Leute, das ist so!“. Es geht hier nicht darum, nur mit Antworten um die Ecke zu kommen. In einigen Fällen ist es einfach sehr, sehr schwierig, mit den Realitäten des Lebens umzugehen.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Mischa</b>: Ja, und das auch zu formulieren. Die Welt ist im Begriff, sich zu wandeln. Das weiß ja mittlerweile eigentlich jeder, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Mit dem, was wir Christen moralisch an Werten hochhalten, konfrontieren wir uns in dem Zusammenhang aber noch gar nicht. Habe ich eine Mitschuld an den schlechten Arbeitsbedingungen, der Ausbeutung und Sklaverei, die da für meine Schokolade, meinen Kaffee stattfindet, indem ich das kaufe? Da müssen wir Fragen stellen und erkennen, wo wir mitverantwortlich sind. Und uns investieren. Das fängt ganz praktisch bei dem an, was offenbar keiner mehr hat: Zeit. Zum Beispiel sich zu informieren. Und was, wenn nicht das, ist eine Frage der Liebe.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Ihr wollt euch für ein freieres Kunstund Musikverständnis unter Christen einsetzen, hab ich gelesen. Was gibt’s denn da zu kritisieren?</b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Manu</b>: Du kennst das sicher aus christlichen Band-Gästebüchern: Wenn du in Ansagen nicht „Jesus“ gesagt hast, dann hast du schon verloren. Wo ist da die Wertschätzung für den Künstler? Die meisten werden einfach von Veranstaltern instrumentalisiert. Hier noch ein Lied zwischen zwei Programmbeiträgen, eine kleine Lobpreiszeit, damit man so was auch noch im Programm hat, oder die Evangelisation für&nbsp;die Gemeinde bewerkstelligen, die so was über die letzten Jahre nicht auf die Beine gestellt gekriegt hat.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Mischa</b>: Was kann künstlerische Sprache überhaupt – und nutzen wir dieses Potenzial schon? Ich denke, christliche Künstler könnten und sollten viel mehr prophetisch wirken. Das hat nichts zu tun mit Wahrsagerei auf Astrokanälen, sondern damit, die Gegenwart zu analysieren und zu benennen, wie ich es ansatzweise in dem Text von „Planet“ versucht habe.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Wie erklärt ihr euch, dass man Drum&amp;Bass in christlichen Musikkreisen nirgendwo anders gehört hat?</b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Joe</b>: Der Stil polarisiert. Sie ist eher was für Christen, die eine kulturelle Offenheit mitbringen. Selbst von Musikerkollegen aus meinem Umfeld höre ich immer wieder „Da kann ich nichts mit anfangen“. Das mag uns zu einem totalen Nischenprojekt machen. Trotz allem hoffe ich, dass wir den Anfang machen, diese stilistische Einseitigkeit aufzubrechen. Ich hoffe, dass wir ein Teil sind einer neuen Bewegung, die den Horizont erweitert jenseits des Einheitslobpreises.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Ihr habt’s nicht so mit dem klassischen Gemeindelobpreis, oder?</b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Joe</b>: Natürlich hat alles seine Berechtigung, und wir verdienen damit teilweise unser Brot. Aber wir stellen fest, dass sich das Vokabular völlig einseitig darstellt, dass es zu einem Stil verkommen ist und wir Deutsche es uns immer einfach machen, die Sachen aus dem Ausland zu kopieren. Das ist der Punkt, der mich am meisten nervt. Ich bin als Sänger oft in der Situation, dass ich im Studio stehe und schlecht übersetzte Songs vor mir liegen habe und denke: ich müsste jetzt eigentlich meine Sachen packen und nach Hause gehen. Weil die Texte kein Muttersprachler so schreiben würde. Keiner von uns.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Mischa</b>: Ich hab aktuell ein Problem mit dem klassischen Lobpreis, weil ich mich im Moment schwer damit tue, die vertikale Richtung mit Scheuklappen links und rechts einzuschlagen. Da sträubt sich was in mir. Nicht weil, ich es unwichtig finde, in meine Beziehung zu Gott zu investieren. Aber im Moment ist da ein ganz starkes Bedürfnis, die soziale Komponente in einem Atemzug in meinen Lobpreis reinzubringen. Wenn meine Kinder verhungern, dann mutet es doch schon zynisch an, wenn mich jemand täglich anruft und mir erzählt, wie toll er mich findet und das wars. Wie muss es da Gott gehen angesichts unseres Lobpreises und unserer weitgehenden Gleichgültigkeit gegenüber globaler Ungerechtigkeit?</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Das meintest du mit „Liebe ist politisch“, oder?</b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Mischa</b>: Ja, ganz sicher. Die Liebe, die Jesus Christus in mir angelegt hat, kann nicht auf einem Auge blind sein. Ich kann doch nicht davon singen, dass diese Liebe in mir ist, und dann nicht bereit sein, mich zu investieren für die Rechte einer aus Profitgier geschundenen Schöpfung. Wie kann ich Gott lieben und industrielle Massentierhaltung hinnehmen? Es ist Zeit zu singen und zu kämpfen, wie bei den Trompeten von Jericho.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Ihr nennt eure Musik selbst urban,&nbsp;kommt aber aus Marburg, Heidelberg&nbsp;und Worms – also Städte mit eher suburbanem&nbsp;Lebensgefühl. Was schwingt&nbsp;bei dem Begriff mit?</b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Manu</b>: „Urban“ hat was mit Relevanz zu tun. Im Sinne von lebensecht und bedeutsam. Musik ist immer dann gut, wenn sie authentisch ist und was bedeutet, einerseits von dem, der sie macht, aber andererseits auch von dem, den sie trifft. Ich habe drei Jahre in Mannheim gewohnt, in meiner Nachbarschaft waren Türken, Griechen, Araber und ein paar Deutsche. Wenn ich in die Gemeinden gucke, dann sehe ich eine Parallelwelt. Uns war es wichtig, uns an der Wirklichkeit zu orientieren. Hier und da war das etwas ungewöhnlich: Bei dem Song „Planet“ hatte ich Dee im Studio sitzen, der als amerikanischer Christ arabischen Dingen gegenüber eher ein bisschen skeptisch ist, und ich wollte, dass er arabische Melodielinien spielt. Ich hab versucht ihm zu erklären, dass wir das nicht tun, um islamische Einflüsse in die Musik zu bringen. Wenn ich durch Mannheim gehe, dann ist das halt die Musik, die ich höre. Weniger Abgrenzung wäre da vielleicht das Richtigere. Vor zehn Jahren hätte ich das noch schrecklich gefunden, so was in meine Musik einzubauen. Mischa: Wir leben nun mal in einer Zeit, die man recht plakativ als Postmoderne bezeichnet, in der wir uns immer wieder neuen Möglichkeiten gegenüber sehen. Das sind neue Herausforderungen für den Glauben. Entweder, man macht die Augen davor zu und verweigert den künstlerischen und gesellschaftlichen Dialog, oder wir versuchen zu sehen, wo Gott möchte, dass wir Salz und Licht sind. Ich glaube, er wirkt über Denominationen und Gemeindegrenzen hinweg, und wir sollten die Augen offenhalten, wo wir gebraucht werden.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Mit den Erfahrungen der letzten Monate: Schwimmt es sich „im freien Meer“ besser?</b></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b><b></b>Joe</b>: Es schwimmt sich besser, aber auch schwerer.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Manu</b>: Unbeschwerter, vom Herzen her.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><b>Mischa</b>: Ehrlich gesagt, leichter schwimmt es sich in ruhigen und vertrauten Gewässern. Aber die Frage ist doch, wo Gott uns haben möchte.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><i>Interview: Pascal Görtz</i></p>]]></content:encoded>
			<category>dran_musikbuchfilm</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 10:53:35 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>Der Neue von JesusHouse</title>
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			<description>Matthias Clausen heißt der neue Verkündiger für JesusHouse 2011 in Stuttgart. Wir wollten wissen,...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><b>Der Mann am</b> großen Fenster des Cafés blickt etwas ungeduldig auf die Uhr. Der Chai Latte vor ihm ist dreiviertel leer. Matthias Clausen würde vermutlich sagen, ein Viertel voll. Wir sind etwas zu spät – „cum tempore“ quasi. Wir treffen den 37-Jährigen im Rahmen einer Evangeli sationsveranstaltung der Uni Paderborn. Das passt gut zu seiner Biografi e: Von 2000 bis 2004 war Matthias Clausen Reisesekretär der Hochschul-SMD – ein Job, bei dem er so manchen deutschen Uni-Campus als Evangelisationsprediger aufgemischt hat. Das Handwerkszeug dazu lernte Matthias früh. Als letzter von vier Brüdern bewies er schon in jungen Jahren seine Publikumstauglichkeit. „Ich musste lernen, mich verbal durchzusetzen“, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. „Sei es durch Geschichtenerzählen oder jeder Menge ‚Spökes‘.“<b><br /><br />Mit 16 Jahren</b> entdeckt Matthias, dass da ein Gott ist, der „etwas unglaublich Sinnvolles“ mit seinem Leben vorhat. Er studiert Theologie, unter an derem in London, absolviert zwei Kirch liche Examen und ein Vikariat. Auf eine „Kirchen- Karriere“ legt er allerdings keinen großen Wert: „In meiner Berufsplanung habe ich mir damals die Frage gestellt, was sinnvoll ist – und nicht wo ich am schnellsten an eine feste Anstellung komme.“ Er zieht als gebürtiger Rheinländer in die mecklenburg-vorpommersche Provinz, heiratet und gründet eine Familie. Seit 2009 arbeitet er zu fünfzig Prozent als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Greifswald im Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung. Der andere Teil seines Jobs besteht nach wie vor darin, durch ganz Deutschland zu touren und Hochschulevangelisationen zu veranstalten. Der evangelischen Kirche ist er bis heute treu geblieben. „Normal evangelisch“ heißt das in seinem Vokabular – mit konfessioneller Weite, die einem als JesusHouse-Prediger gut zu Gesicht steht. Da seine Frau aus einer Frei kirche kommt, kennt er auch die Vorzüge freikirchlicher Gemeindeformen.<br /><br /><b>Und er kennt</b> noch Menschen, die mit dem Glauben so gar nichts am Hut haben. In Greifswald zu leben hat daher mehr mit seiner Berufung zu tun als es auf den ersten Blick scheint. Zusammen mit dem Gemeindeprojekt „GreifBar“ bietet Matthias mehrmals im Jahr gut besuchte evangelistische Gottesdienste an. Die große Mehrheit der Gäste ist konfessionslos. „Dass die Welt hier in gewisser Weise eine andere ist“, merkt er, wenn er hört, dass einige seiner Zuhörer die Geschichte des Verlorenen Sohnes bei dieser Gelegenheit das allererste Mal gehört haben – und berührt sind, wie liebevoll dieser unbekannte Gott mit ihnen umgeht. Wenn er hier predigt, dann heißt es, bei Null anzufangen. Mit „frommen Insidern“ wird er in diesem „pioniermissionarischen Gebiet“ nicht weit kommen, sagt Matthias. Für ihn ist das eine große Chance, so predigen zu lernen, dass es auch jeder versteht.<b><br /><br />Trotzdem bleibt die</b> Frage: Was befähigt einen dazu, JesusHouse-Prediger zu werden? Eine gute Frage, die sich Matthias selbst stellt, als eines Tages ProChrist- Redner Ulrich Parzany bei ihm anklopft. Dass man ihn für die Verkündigung bei JesusHouse anfragt, damit hat er erst einmal nicht gerechnet. „Eigentlich ist meine Zielgruppe eher die der Jungen Erwachsenen“, ging es ihm damals durch den Kopf. Und die macht eben nur einen Teil der JesusHouse-Zielgruppe aus. Er habe viel darüber beten müssen. Heute sagt er: „Je mehr ich jetzt da eintauche, desto begeisterter bin ich.“ Begeistert ist er vor allem vom JesusHouse-Team, bei dem er spürt, dass in jedem einzelnen der Wunsch im Herzen brennt, Jugendliche zum Glauben zu bringen. Derselbe Wunsch bewegt auch ihn schon seit Jahren. „Das Allererste, was ich den Leuten vermitteln möchte ist, dass Gott jeden Menschen bedingungslos liebt.“<b><br /><br />Matthias mag absurden</b> Humor. Aber aus der Sicht von Teenies wirkt er wahrscheinlich ziemlich normal: Keine Dread locks, keine hippen Phrasen. Und er weiß das. Anpassung ist keine Option: Bei JesusHouse möchte er sich als der Matthias geben, der er auch wirklich ist. Sein Angebot: ein aufrichtiger, persönlicher Kommunikationsstil. Für JesusHouse hat er sich vorgenommen, durch die Kamera zu kommunizieren, als stünde er unmittelbar vor seinem Zuhörer – mit dem Ziel, den Zuhörer in seine Überlegungen mit hineinzunehmen. „Dialogisch predigen“ nennt er das.<br /><br /><b>Klingt überzeugend</b>, wir fragen ihn aber, ob das über ein mediales Großereignis wie JesusHouse überhaupt möglich sei, dieses dialogische Predigen. Matthias will daran glauben, doch er weiß, wie sehr sich die Medienwahrnehmung in den letzten Jahren verändert hat. „Vor wenigen Jahren war das etwas total Spannendes, dass JesusHouse in ganz Europa ausgestrahlt wurde. Heute ist diese geografi sche Reichweite nicht mehr sehr ungewöhnlich.“ Weil international vernetzte Medien zur jugendlichen Lebens realität dazugehören, sei das Medium allein keine Message mehr. „Aufmerksamkeit kann man auch durch perfekte Inszenierung nicht mehr erreichen – was greift, ist die Authentizität.“ Praktisch heißt das für ihn auch, mal eigene Schwächen zu zugeben. Dass er zum Beispiel vor der Kamera nervös ist. Dass es eben doch etwas anderes ist, in der Stuttgarter Porsche arena zu Tausenden von Jugendlichen zu sprechen, als vor dreihundert Studenten im Hörsaal. Bei der Preview von JesusHouse am 23. April, bei der lokale Gruppen die Satellitenverbindung testen konnten, hat er schon einmal einen Vorgeschmack darauf bekommen können, wie sich das anfühlt. Das hat gut geklappt und deshalb kann er das Spiel mit der Kamera im nächsten Frühjahr etwas lockerer angehen.<br /><br /><b>Es dürfte ihm</b> entgegenkommen, dass JesusHouse in Stuttgart auf bewährte Formate setzt. „‚JesusHouse zentral‘ wird von der Form her ähnlich wie in den letzten Jahren aussehen“, erwartet der Verkün diger. Neben Musik und kreativen Programmpunkten soll es an den vier Abenden Predigten zum Thema „Gott? Glaube, Liebe, Hoffnung“ geben. Die einzelnen Predigten werden zurzeit geplant. Mehr will uns Matthias dazu aber noch nicht verraten.<b><br /><br />Ein bisschen Zeit</b> zur Vorbereitung bleibt ihm ja noch. Ernst wird es erst im nächsten Frühjahr. Dann werden wir ihn wiedersehen. Wieder live und in Farbe – nur dieses Mal am anderen Ende der Kamera. Wir sind gespannt<b><br /><br /> Benjamin Kleine Vennekate absolviert ein Jahrespraktikum in der dran-Redaktion.</b></p>]]></content:encoded>
			<category>dran_jetztleben</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 09 Jul 2010 11:59:34 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Timons "pers&#246;nliche Apokryphen"</title>
			<link>http://www.dran.de/no_cache/dran-service/dran-suchergebnis/artikel/ansicht//168787timons-persoenliche-apokryphen.html?tx_ttnews%5Byear%5D=2010&#38;tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&#38;tx_ttnews%5Bday%5D=06</link>
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•&quot;Die 13 1/2 Leben des Käptn Blaubär&quot; von Walter Moers Ein Tanzkurs für die Fantasie in...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext">•&quot;Die 13 1/2 Leben des Käptn Blaubär&quot; von Walter Moers<br /><br /> Ein Tanzkurs für die Fantasie in 13 1/2 Kapiteln. Vielseitig, lustig und  gnadenlos kreativ. Besonders interessant: Tolle metatextuelle  Stilmittel.<br /> <br /> • &quot;Die Möglichkeit einer Insel&quot; von Michel Houellebecq<br /><br /> &quot;Eine Injektion Nihilismus bewirkt oft, dass man aus Angst wieder Lust  zum Leben bekommt&quot;, sagte Wolfgang Borchert. Dieses Buch von Houellebecq  geht mit messerscharfen Analysen menschlicher Abgründigkeit und  sprachlicher Brillanz auf höchstem Niveau bis an die Schmerzgrenze. Ein  nihilistischer Nierenhaken, nach dem ich wieder genau wusste, was ich  NICHT will - know your enemy!<br /> <br /> •&quot;Die Känguruh-Chroniken&quot; von Marc-Uwe Kling<br /><br /> Eine Sammlung kurzer Geschichten über Mark-Uwe und das Känguruh. Lustig,  liberal, links -- Wahres und Halbgares bunt kombiniert. Super  Abendlektüre, die sich hervorragend zum Vorlesen eignet. <br /> <br /> •&quot;1984&quot; von George Orwell<br /><br /> Wer den Klassiker noch nicht gelesen hat, sollte das umgehend tun. Am  Besten noch vor der nächsten Wahl.<br /> <br /> • &quot;Seide&quot; von Barrico<br /><br /> Ein dünnes und wunderbar leichtes Buch. Man liest es an einem Tag und  fühlt sich, als ob man schwebt- in Seide gekleidet.</p>]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Tue, 06 Jul 2010 14:37:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Stille Zeit &#150; spannende Zeit</title>
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			<description>Allein der Begriff „Stille Zeit“ hat in Holger Mix jahrelang nur Eines auslöst: inflationäre...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><b><br />Es ist zum Glück</b> schon ein paar Tage her. Ich saß auf dem Bett in meinem Zimmer, kniff meine Augen zu und stammelte ein Gebet: „Herr, wenn du mir alle meine Sünden noch einmal vergibst, dann werde ich auch fünf Kapitel in der Bibel lesen.“ Gesagt, getan. Zeitsprung. Fünf Tage später. Ich saß wieder auf dem Bett, das noch immer in meinem Zimmer stand. Mit einem ähnlichen Gebet auf den Lippen: „Herr, wenn du mir jetzt noch mal vergibst, dann werde ich zu den fünf Kapiteln, die ich noch nicht gelesen habe, noch einmal zehn Kapitel lesen.“ Der findige Leser ahnt, wohin die Reise ging: Schnell war ich mit meinen eigenartigen Deals bei hundertzwanzig bis hundertvierzig Kapiteln angelangt. Vermutlich hätte ich in ein Kloster eintreten müssen, um das Pensum zu bewältigen: Immer und immer wieder nahm ich die Bibel und las Kapitel für Kapitel herunter, um den scheinbar gierigen Gott dort oben zu befriedigen. Und so ging es einige Zeit weiter, bis ich wegen der inflationären „Bibelleseschuld“ die Beziehung zu Gott abbrach und mich einfach nicht mehr um ihn kümmern wollte.<b><br /><br />Was jetzt vielleicht</b> witzig klingt, war in dieser Zeit meines Lebens üble Realität: Ich versuchte Gott mit meinem Bibellesen zu befriedigen und mir so seine Gunst und Gnade zu kaufen. Heute muss ich über meine eigenartige Beziehungsgestaltung mit Gott schmunzeln. Aber so weit weg scheint mir das manchmal gar nicht zu sein, wenn ich mit anderen Christen rede. Es gibt eine ganze Reihe von Christen, die unzufrieden mit sich sind und sich vor Gott schuldig fühlen, weil sie ihre „Stille Zeit“ nicht hinkriegen. Viele trauen sich keine lebendige Gottesbeziehung zu führen, weil es ihnen so vorkommt, als würden sie ihren Teil der Abmachung nicht einhalten: Das tägliche Bibellesen und Beten. Andere fühlen sich gar nicht mehr schuldig, sondern nehmen es einfach so hin, dass sie persönlich nicht mehr in der Bibel lesen. Und sie erwarten geistlich auch nicht mehr viel. Entweder kennen sie die Tradition der „Stillen Zeit“ gar nicht, oder aber sie haben für sich die neue „Freiheit“ entdeckt, in der die Gnade Gottes nicht von dem persönlichen Bibelstudium abhängt. Beide Gruppen haben eines gemeinsam: Sie lesen nicht in der Bibel. Und diesem Phänomen begegne ich landauf landab. Gerade die Christen protestantischer Herkunft, die sich einer Reformation so verbunden fühlen, die das „sola scriptura“ (Allein die Schrift) so sehr betont hat, kennen ihre eigene Grundlage nicht mehr. Aber warum ist das so? Ich habe bei mir zwei Hindernisse festgestellt, die das Bibellesen schwierig machen:<br /><br /><b>Hindernis Eins:<br />Was ist für mich die Bibel?<br /><br /></b><b>Viele Christen glauben</b> zwar, dass die Bibel die Grundlage des christlichen Glaubens ist und mehr als nur ein Buch. Aber vielen ist nicht mehr klar, was die Bibel für sie ist. Und so einfach ist das auch nicht zu sagen: Denn je nachdem, wen man fragt, bekommt man auch unterschiedliche Antworten: Für die einen ist es eine historische Textsammlung und für andere ein fast magisches Zauberbuch. Für manche ist wichtig, dass die Schrift auf Punkt und Komma stimmt und manche sehen in ihr lediglich eine ganz menschliche Textsammlung. Was ist richtig? Hier ist es sicherlich hilfreich, erstmal für sich selbst festzuhalten, was die Bibel für einen ist:<br /><br /><b>Wenn ich sie</b> nur als Textsammlung sehe und in Textinterpretationen in der Schule nie ein großer Held war, dann wird das Bibellesen für mich eher zu einer<br />Deutscharbeit als zu einer Gottesbegegnung.<br /><br /><b>Wenn sie für</b> mich größtenteils ein historisches Dokument ist und ich kein Geschichtsfreak bin, dann brauch ich mich nicht zu wundern, dass mich die staubtrockenen Fakten langweilen.<br /><br /><b>Wenn sie für</b> mich überwiegend ein Ratgeberbuch ist, das mir sagen soll, wie ich mein Leben zu gestalten habe, dann erscheint sie von der Form her so verwirrend (lauter Geschichten, Gedichte, Lieder), dass sie für meine Belange nur irreführend sein kann.<br /><br /><b>Wenn sie vorwiegend</b> inspiriertes Wort Gottes ist und ich auf Stellen stoße, die<br />ich nicht verstehe, dann erscheint Gott mir fremd, undurchsichtig und unerreichbar.<br /><br /><b>Wenn sie für</b> mich nur das Reden Gottes in meine Zeit hinein ist und ich sie daher als eine Art Orakel für mein Leben verwende, dann kann ich schnell enttäuscht werden, wenn die Bibel mir gerade nichts Konkretes zu sagen hat oder Situationen doch nicht so einfach zu handhaben sind, wie ein einzelner Bibelvers das suggeriert.</p>
<p class="bodytext"><b>Hindernis zwei:<br />Wie kann ich die Bibel lesen?<br /></b><br /><b>Ich finde es</b> gar nicht so leicht zu wissen, wo ich anfangen soll mit der Stillen Zeit: Muss ich in der Bibel lesen? Täglich oder wöchentlich? Wann soll ich mir dafür Zeit nehmen? Wo fange ich in der Bibel an zu lesen? Chronologisch oder systematisch? Für mich war es sehr hilfreich, in die Geschichte der Stillen Zeit zu schauen und dadurch auf das Wesentliche zu kommen. Natürlich haben Menschen schon zu jeder Zeit die Stille mit Gott gesucht. Sowohl im Alten Testament als auch im Neuen. Jesus hat immer wieder die Stille gesucht, um mit seinem Vater ganz ungestört zu sein (Markus 1,35). Auch durch die Jahrhunderte hindurch haben Menschen immer wieder die Stille und das Gebet gesucht. Dennoch unterscheiden sich diese Momente der Gottesbegegnungen von unserem heutigen Verständnis von Stiller Zeit mit Bibellesen und Beten. Allein die Tatsache, dass Christen in den ersten 1.500 Jahren nach Christus keine Bibel in ihrer Sprache in die Hand bekamen, hat mir deutlich gemacht, dass es entweder hunderte von Jahren keine „vollständigen Christen“ gab – oder aber, dass es im Wesentlichen nicht darum gehen kann, jeden Tag einen Bibelabschnitt zu lesen.<br /><br /><b>Erst der Studentenevangelist</b> und Friedensnobelpreisträger Dr. John R. Mott (1865-1955) hat zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts den Gedanken der „täglichen Morgenwache“ in die weltweite Christenheit eingebracht. Die Disziplin der Stillen Zeit wurde dann von dem lutherischen Pfarrer Frank Buchmann (1878-1961) durch die so genannte „Oxford- Gruppe“ in vielen christlichen Kreisen heimisch und gelangte um 1930 nach Deutschland. Aus dieser „Gruppenbewegung“ entwickelte sich Mitte der Fünfzigerjahre in Deutschland der „Marburger Kreis“. Der Grundgedanke einer Stillen Zeit am Morgen war eine Reaktion auf den veränderten Lebensrhythmus, den das Zeitalter der Industrialisierung mit sich brachte. Weil sich der Arbeitsrhythmus verändert hatte, war die Zeit vor Tagesanbruch oft die einzige Gelegenheit einer Gottesbegegnung.<b><br /><br />Aus alledem wird</b> mir deutlich: In der Stillen Zeit geht es nicht um das Ableisten eines Pflichtprogramms, sondern um die Möglichkeit, dem lebendigen Gott zu begegnen, ihn zu hören und mit ihm zu reden – oder einfach mal gemeinsam zu schweigen. Es geht um Beziehungsgestaltung, nicht um Kadavergehorsam oder darum, Gott zu befriedigen. In der Stillen Zeit stille ich eine tiefe Sehnsucht in mir, die ich oberflächlich betrachtet vielleicht gar nicht von mir kenne. Bei mir kommt es vor, dass ich erst mal ein bis zwei Stunden brauche, um in die Zeit mit Gott hineinzufinden. Natürlich habe ich dafür nicht jeden Tag Zeit. Aber genau das passt auch vielmehr zu meinem Wesen: Ich bin nicht der Tägliche-Stille-Zeit-Typ. Es dient mir vielmehr, mich einmal pro Woche so richtig lange mit meinem Freund zu verabreden als mich jeden Tag mit ihm zu treffen und dabei nicht über ein oberflächliches Palaver hinauszukommen. Ich merke bei den Verabredungen, wie sie mich prägen und verändern. Es ist kein lästiger Pflichtbesuch, sondern ein Date mit jemandem, der etwas Besonderes für mich ist und mit dem ich mich deshalb sehr gerne treffe. So ein Treffen ist für mich ein Termin, den ich in der Woche einplane. Nicht das Bibellesen steht im Zentrum der Stillen Zeit, sondern Gott selbst. Die Bibel ist nicht Gott: Sie ist nicht gekreuzigt und auferstanden, sie ist den Menschen nicht von Gott verheißen worden, sondern sie ist greifbare Grundlage für die Wirklichkeit Gottes in der Geschichte und Gegenwart. Sie ist Gottes Wort für uns, aber nicht Gott.<br /><br /><b>Meine Radikalkur:</b> Ich habe die Bibel eine zeitlang einfach weggelassen. Ich habe entdeckt, dass es mehr als nur den einen genormten Zugang zu Gott gibt. Mir helfen zum Beispiel lange Spaziergänge, bei denen ich in der Natur die Größe und Weite der Schöpfung genieße und ich laut und alleine mit Gott reden, schweigen, singen oder schreien darf. Nach einiger Zeit habe ich aber entdeckt, dass mir etwas fehlt: Das zuverlässige, greifbare Wort Gottes, das mir in die Situation hineinspricht und neue Inhalte liefert. Seitdem nehme ich immer eine kleine Bibel mit auf meine Spaziergänge. Ich suche mir einen Text heraus und lese ihn mir mehrmals laut vor. Manchmal sage ich einen Satz zehn oder zwanzig Mal laut vor mich hin, bis er sich mir erschließt. Einen Bibeltext laut zu lesen, hat mich noch einmal ganz neu inspiriert, das Wort Gottes zu hören – und nicht nur zu lesen. Das hat mir auch die Bedeutung des Wortes Gottes noch einmal neu erschlossen: Die Bibel ist keine Informationsbroschüre und kein Ratgeberbuch, sondern Gottes Wort ist lebendig. Ich brauche nicht immer erst den Text zu verstehen, bevor er in mir etwas bewirkt. Manchmal bewirkt der Text auch bei mir etwas, bevor ich ihn richtig verstanden habe.<br /><br /><b>Daneben ist für</b> mich das ganz intensive Studium eines Bibelabschnittes sehr fruchtbar. Es hilft mir, für einige Stunden ganz tief in einen Text einzutauchen, jedes Wort unter die Lupe zu nehmen und ihn ganz neu zu entdecken. Ich arbeite regelrecht an dem Text. Dann beginnt das Wort Gottes für mich lebendig zu werden. Das muss nicht für jeden ein Zugang sein, aber bei mir beginnt das Herz schneller zu schlagen, wenn ich für mich neue Entdeckungen mache. Nach einigen Jahren habe ich erkannt, dass sich das Wesen der „Zeit mit Gott“ auch durch die Lebensumstände ändern kann. Es gab eine Zeit, da tat es mir gut, einen Bibelleseplan zu haben, auch wenn ich nicht der regel mäßige Leser war. Dann fand ich es hilfreich, ganze Bibelbücher am Stück zu lesen und einfach mal die gesamte Story in den Blick zu bekommen. Zu anderen Zeiten war mir Gemeinschaft mit anderen Christen und der gemeinsame Austausch sehr wichtig oder das Lesen von Sekundärliteratur, weil mir der eigene Zugang zum Bibeltext sehr schwer fiel. Dann hatte ich eine Phase, in der ich über einen Vers lang und breit meditiert habe.<br /><br /><b>Es gibt ihn</b> nicht, den passenden Knopf, der alle Stille-Zeit-Probleme löst. Es geht um die Gestaltung einer Liebes beziehung. Das ist für mich zu einer Herausforderung geworden. Auch in der Gottesbeziehung funktioniert das nicht von allein. Daher wird es wohl immer eine spannende Zeit bleiben.<b><br /><br />Holger Mix ist Jugendpastor in der EFG Wölmersen.</b></p>]]></content:encoded>
			<category>dran_thema</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 30 Jun 2010 13:47:46 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Plattenbau</title>
			<link>http://www.dran.de/no_cache/dran-service/dran-suchergebnis/artikel/ansicht//168139plattenbau.html?tx_ttnews%5Byear%5D=2010&#38;tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&#38;tx_ttnews%5Bday%5D=18</link>
			<description>Jamie Garrington wohnt im Plattenbau. Freiwillig.
Und bemerkt, wie der Beton von innen anfängt zu...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext">„<b>Ich werde Dolmetscherin</b> für Suaheli bei den Vereinten Nationen.“ Das war lange meine Antwort auf die nervige Frage „Was willst du denn mal werden?“. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen wollte und bewunderte Freunde, die seit ihrem sechsten Lebensjahr selbstbewusst eine Karriere als Tierarzt anstrebten. Meine Strategie hatte insofern Erfolg, als dass sie fragende Erwachsene nachhaltig abwimmelte. Die Frage nach Beruf und Berufung blieb offen. Ein Freund in England erzählte mir von ein paar Christen, die dort bewusst in einen sozialen Brennpunkt zogen, wo Gewalt vorherrschte, die Menschen von Armut bedroht waren und die Kirchen ihre Türen geschlossen hatten. Das Gebiet galt als hoffnungslos. Diese Leute aber wollten bewusst dort Gemeinde leben. Sie wollten den Menschen Nachbarn sein, sie wertschätzen, ein Teil ihres Lebens werden.</p>
<p class="bodytext"><b>Das faszinierte mich.</b> Ich fühlte mich zu den „normalen Menschen“ berufen, die Gott noch nicht kannten, und dazu, mit Menschen zu leben, die sich oftmals am Rande der Gesellschaft wiederfi nden. Den Abgeschriebenen, den von Armut Bedrohten, die sich nach Hoffnung und Perspektive sehnen. Die keine Christen oder Gemeinden in ihrer Nähe haben. Noch war mir nicht klar, wie das aussehen würde, wer meinen Traum mit mir teilte oder wo das überhaupt sein könnte. Nach einigen absurden Begegnungen und einem scheinbar „zufälligen“ Besuch in Chemnitz wusste ich, wohin es gehen sollte: Der Ort, an dem Gott mich haben wollte, war das „Heckertgebiet“ – eines der größten Plattenbaugebiete der ehemaligen DDR. Die Sehnsucht fand ein Zuhause.</p>
<p class="bodytext"><b>Wer sich für das Leben</b> im Plattenbau entscheidet, ist entweder hier geboren, oder er hat schon richtig was durchgemacht. Viele ehemalige „Heckertkinder“ – und das sind die allermeisten – leben hier, weil sie es mögen. „Platte“ ist für sie nicht schlimm, es ist Heimat. Die Zugezogenen fi nden hier bezahlbare Mieten, ein Grund, weshalb Heckert viele Menschen mit Migrationshintergrund, hauptsächlich aus Russland und Kasachstan, anzieht. Am beliebtesten sind die Ein- und Zwei- Raum-Wohnungen, Begleiterscheinung : Vereinsamung. Manche leben hier alleine, bis ihnen die Decke auf den Kopf fällt, und dann leben sie genauso weiter. Nicht selten folgt auf die Vereinsamung der Alkohol. Viele sind von Arbeitslosigkeit betroffen, andere sind Geringverdiener oder sogenannte „EU-Rentner“, denen keine Arbeit mehr zugetraut wird. Perspektivlosigkeit hin oder her: Heimat ist Heimat.</p>
<p class="bodytext"><b>Auch wenn ich nie</b> ein echtes „Heckertkind“ sein werde: Nach fast sechs Jahren ist dieses Plattenbaugebiet auch meine Heimat. Meine vier Mitbewohnerinnen und ich haben uns hier so sehr verwurzelt, dass wir uns einen Namen gegeben haben. Nach unserer Straße benannt sind wir die „Familie Schreiter“ und gehen auch mit „Schreiter“ ans Telefon. Wir wollen Leben miteinander teilen und unsere Nachbarn lieben. Und ich liebe diesen Stadtteil mit seinen Plattenbauten und seinen liebevoll verschrobenen Bewohnern.</p>
<p class="bodytext"><b>Ich liebe das</b> fröhliche Mädchen, das bei uns nach der Schule klingelt und meiner Mitbewohnerin begeistert durch die Sprechanlage mitteilt: „Rebekka, ich wollte dir nur sagen, dass ich heute in Mathe eine Zwei geschrieben habe! Danke, dass du mit mir gelernt hast!“ Ich liebe die zwei frechen, energiegeladenen sommersprossigen Geschwister, die meist sonntags in unserer WG vorbeischauen. Die Schwester liebäugelt immer mit unserem Schokomüsli und ihr Bruder fragt mich jedes Mal, ob wir Wiener Würstchen haben.Ich mag den prolligen, aber liebenswerten jungen Mann, der Christen belächelt und mir wöchentlich erzählt, wie er als Kind gezwungen wurde, in die Kirche zu gehen. Er muss sich so sehr über den Glauben lustig gemacht haben, dass man ihn rauswarf. Als ich ihm sage, dass Gott ihn vielleicht verfolge, antwortet er: „Das denke ich auch!“ Und das hoffe ich aus tiefstem Herzen. Ich hoffe, dass Gott ihm so lange nachgeht bis er merkt, dass der es gut mit ihm meint, dass er ihm seine Schuld nehmen und ihm Hoffnung schenken möchte. Ich liebe es, jeden Tag die über achtzig Stufen meines „Sechsers“ (ein Plattenbau mit sechs Etagen und ohne Fahrstuhl) zu steigen. Zum einen hält es fi t, aber vor allem gibt es Gelegenheit, den Nachbarn zu begegnen, ein Schwätzchen mit der lustigen alleinerziehenden Mutti zu halten oder den dauerangeheiterten, volltätowierten Mittfünfziger zu grüßen. Er grüßt freundlich und sächsisch zurück mit „Na, meine Gude?!“. Ich liebe es, bei ihm zu klingeln, um mir seine Bohrmaschine auszuleihen – oder den neuen, verdutzten Nachbarn eine Kiste hochzutragen. Und ich liebe es zu sehen, was Gott tut. Wie er Menschen begegnet und wie ich Jesus in Menschen begegne.</p>
<p class="bodytext"><b>Das Leben im Plattenbau</b> ist lebenswert, schön, die Menschen sind oft zauberhaft, wenn sie einen endlich an sich ranlassen, und unheimlich hilfsbereit. Sie sehnen sich nach Kontakt, nach Beziehung, nach Dazugehören. Wenn ich frustriert bin, weil ich keinen Zugang zu ihnen fi nde, hat Jesus schon längst auf seine Art einen Weg gefunden. Ich kannte Sandra schon mehrere Jahre fl üchtig und war unvorbereitet auf das, was sie mir erzählte. Sie meinte, Jesus wäre ihr im Traum begegnet. Er habe sie eingeladen, ein Kind Gottes zu werden. Ich war sprachlos und staunte über Gottes liebevolle und kreative Art, sich Sandra in den Weg zu stellen. Wenn ich überfordert bin und mich frage, wie ich meiner neuen Freundin Theresa von Jesus erzählen kann, spricht er leise zu mir, dass ich einfach ihre Freundschaft genießen und den Rest ihm überlassen darf. Als sie plötzlich merkt, dass ich Christ bin, fragt sie fast entsetzt „Bist du gläubig?“, weil ich nicht in ihr Christenschema passe. „Na ja, so richtig gläubig?“ Was sie wirklich damit meint, weiß ich nicht, aber da sich gerade eine schöne Freundschaft entwickelt, werde ich es vielleicht noch erfahren. Letzte Woche, als sie vor meinem Bücherregal stand, fragte sie aus heiterem Himmel, ob ich an einem Leben nach dem Tod glaube. Um sich dann ein Buch zu dem Thema auszuleihen.</p>
<p class="bodytext"><b>Die Abenteuer der</b> „Familie Schreiter“ sind manchmal spannend, manchmal auch sehr unspektakulär. Es ist Leben – tagein, tagaus. Aber in allem, was wir erleben, wollen wir Familie sein, „in der Blut nicht zählt“. Wir wünschen uns, dass die Nachbarn spüren, wie herzlich willkommen sie bei Gott sind. Wir wünschen uns, dass sie sich eines Tages zur Familie Gottes zählen und wir nicht nur im 21. Jahrhundert ein Stück Leben mit ihnen teilen, sondern für alle Ewigkeit mit ihnen leben. Wir haben Zeit – weil wir nicht vorhaben, bald wieder weg zu sein. Ich weiß: Das ist meine Berufung.</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext"><i>Jamie „Schreiter“-Garrington lebt seit&nbsp;sechs Jahren im Chemnitzer Heckertgebiet.</i></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>]]></content:encoded>
			<category>dran_workshop</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 18 Jun 2010 08:13:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>&#132;Nicht alle anderen stehen auf dem Kopf, sondern ich&#147;</title>
			<link>http://www.dran.de/no_cache/dran-service/dran-suchergebnis/artikel/ansicht//167853nicht-alle-anderen-stehen-auf-dem-kopf-sondern-ich.html?tx_ttnews%5Byear%5D=2010&#38;tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&#38;tx_ttnews%5Bday%5D=14</link>
			<description>Claas P. Jambor über sein neues Album und das dazugehörige Lebensgefühl.</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><b><br />Erstmal Glückwunsch zu „Paradise Lane“. Ein intensives Album, auf dem du eher schwierige Kapitel deines Lebens durchforstest … Wie waren die Jahre seit deinem letzten Album? Wie ist das Lebensgefühl im Mai 2010?<br /></b><br />Ich habe ein paar durchwachsene Jahre hinter mir. Aber in den schönen Phasen schreibt man selten Songs. Man genießt und nimmt auf – aber der Drang der Verarbeitung ist nicht so stark. Die Zeiten, die tough sind, brauchen für mich einen Katalysator – und dafür habe ich die Musik. Mein Lebensgefühl jetzt? Es ist Frühling!! Die Sonne kommt raus, und überall sieht man eingefrorene Menschen wieder auftauen – das ist ansteckend: wunderschön!<b><br /><br />Wenn du drei Dinge nennen könntest, die dich seit dem letzten Album besonders nach vorne gebracht haben – welche wären das?<br /><br /></b>Ich bin nach Hamburg gezogen, was ein sehr guter Schritt war. Keine Ahnung, ob ich hier bleiben werde (Das Wetter braucht Heilung!!), aber momentan fühle ich mich wohl. Und dann ein paar sehr gute Freunde, mit denen man aufrichtig reden kann. Und natürlich meine neue Lakewood- Gitarre, die klingt einfach super und der Sound inspiriert.<br /><br /><b>Dein neues Album bringt an einigen Stellen ein sympathisches Maß an Selbstkritik zum Ausdruck. Was kann der „neue“ Claas, was der alte nicht<br />konnte?<br /></b><br />Auf der einen Seite bin ich ruhiger geworden. Ich bin gerade sehr gerne mal alleine, was ich vorher nicht lange ertragen habe. Auf der anderen Seite fühle ich mich auch immer noch sehr „unter Strom“. Es gibt so viel, was ich an mir selber auszusetzen habe, so viel, was ich noch sehen, erleben oder tun will – und ich merke, wie die Zeit rennt. Mein Jahr 2010 ist schon fast total verplant. Das macht mich kirre – ha ha. Ich würde gerne einen Monat am Strand liegen und – keine Ahnung, vielleicht Wellen zählen, irgendwas Sinnloses machen! Oder Sport.<br /><br /><b>Du scheinst das ein oder andere Lebenskapitel neu aufgerollt zu haben. Da landen kritische Episoden, Neubewertungen von Jugendfreundschaften und akuter Liebesschmerz auf dem Tisch. War dir von Anfang an bewusst, dass das Album in diese Richtung gehen würde?<br /></b><br />Nein, das war mir nicht bewusst. Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Lieder geschrieben und die gingen thematisch in genau so viele Richtungen. Nachher saß ich mit etwa achtzig Songs da und musste die besten aussuchen. Danach bin ich mit 25 Titeln zu Udo Rinklin ins Studio gegangen und wir haben lange gebraucht, um die finale Wahl zu treffen, welche Songs aufs Album kommen. Wobei, wenn ich ehrlich bin – eine gewisse Melancholie war eigentlich bei allen Songs mit dabei.<br /><br /><b>Eine Episode, hinter die du einen musikalischen Haken gemacht hast, ist der Kontakt zur amerikanischen Plattenindustrie. Du singst: „I crave the crown but am the clown.“ Hat dich die Plattenindustrie zum Clown gemacht? Und wenn ja: Kannst du im Nachhinein über deine Ambitionen lachen?<br /></b><br />Ich glaube nein. Die Situation in den USA war tatsächlich genau so, wie in dem Song beschrieben: Da saß ein Zigarre rauchender Manager mit einem Cognac-Schwenker vor mir und bot mir einen großen Plattendeal an, wenn ich nur noch Worship-Songs wie „All my life“ singen würde … weil „über die anderen muss man nachdenken, und dass wollen wir Christen nicht“. Da habe ich dankend abgelehnt. Nix gegen meinen eigenen Song – aber die Ansage war so lächerlich, dass ich damit nichts zu tun haben wollte. Natürlich muss man einen Preis bezahlen, wenn man seinen Träumen hinterherläuft. Die Frage ist nur: Wo fängt man an sich zu verkaufen? Ich bete, dass ich nicht irgendwann finanziell gezwungen bin, so etwas zu tun.</p>
<p class="bodytext"><b>Du singst auf „Paradise Lane“ viel über Liebe – und das so ganz unverkitscht. „I don’t believe in love and I think I know why – I’m not head over heels, and so I am …“ Du glaubst nicht an Liebe, weil du nicht „Hals über Kopf“ bist?</b><br /><br /><i>(Schmunzelt)</i> Ja, der Song „Head over Heels“ ist eine kleine Geschichte: Ich gehe durch die Straßen und alle anderen um mich herum hängen verkehrt herum – Hals über Kopf. Überhaupt steht alles Kopf und ich frage mich warum. Warum können diese Menschen so naiv sein und glauben, dass Liebe funktioniert? Warum können diese Menschen vertrauen und sich hingeben und nicht sehen, wie gefährlich so etwas ist? Am Ende der Geschichte stelle ich fest, dass nicht alle anderen auf dem Kopf stehen, sondern ich. Und dass mein Zynismus mich daran hindert, all diese normalen Dinge zu wagen. Also sind nicht alle anderen „krank“, sondern ich … oder so ähnlich.<br /><br /><b>Und was ist „Methadon-Liebe“? Der Fremdkörperersatz für das Unwohlsein in der eigenen Haut?<br /></b><br />Auch ’ne gute Idee. Methadon-Liebe ist für mich, wenn man sich nach einer Beziehung direkt in eine Ersatzliebe stürzt. Man kann nicht alleine sein, weil man süchtig nach der anderen Person ist. Nun ist diese aber weg, und man holt sich ganz schnell eine Ersatzdroge. In dem Song „Congratulations“ erzähle ich die Geschichte, wo mir der neue Freund einer Ex vorgestellt wird – und es mehr als deutlich ist, dass er einfach nur Methadon in ihrem Leben ist. Leider war diese Begebenheit mit der Erkenntnis verbunden, dass ich genau das Gleiche gemacht hatte …<br /><br /><b>Wo wir den Blick schon mal zurück werfen: Hat dir der Teenie-Idol-Bühnen-Claas beim Erwachsenwerden manchmal im Weg gestanden?<br /></b><br />Ich habe mich nie so gesehen. Ich habe mich einfach über jeden gefreut, der im Publikum war. Egal, ob Teenie oder Rentner. Gut, es waren ein paar Jahre lang hauptsächlich Teenies. Manchmal war ich ziemlich erschrocken, als mir bewusst wurde, dass ich plötzlich eine Vorbild-Funktion für Teenager hatte. Das wollte ich nie! Ich dachte, dass man sich doch ganz normal wie unter Freunden bewegen könnte. Das fällt mir manchmal immer noch schwer.<br /><br /><b>Was genau?</b><br /><br />Von einem Musiker im christlichen Bereich wird erwartet, dass er so ziemlich fehlerfrei ist. Oder wenigstens wirkt. Und das bin ich definitiv nicht. Das ist auch keiner meiner Kollegen. Ich wollte immer eher die menschliche Seite des Lebens besingen – gerne aus christlicher Sicht und von einem Gott-zentrierten Blickwinkel, aber ich wollte über mein Versagen singen, über die menschlichen Schwächen, die wir alle haben. Gerade als Teenager fand ich es immer albern, wenn große Vorbilder auf der Bühne standen und erzählt haben, wie grandios ihr Leben und ihre Beziehung mit Gott läuft, während bei mir alles schwer war. Ich wollte viel lieber von jemandem hören, wie er mit diesen Schwierigkeiten umgeht.<br /><br /><b>Genießt du die Verwundbarkeit, mit eigenen Themen auf der Bühne zu stehen?<br /></b><br />Absurderweise fühle ich mich nicht so wahnsinnig verletzlich, auch wenn ich oft verletzt bin. Natürlich lässt man auf irgendeine Art und Weise auf der Bühne und in den Songs „die Hosen herunter“, aber das ist mein Ventil! So kann ich das alles verarbeiten, was ich erlebe. Und ich genieße es, wenn das Publikum sagt: „Genauso ging es mir auch, da hast du meine Verletztheit gut in Worte gefasst“.<br /><br /><b>Interview: Pascal Görtz<br /></b><i><br />„Paradise Lane&quot;, das im Mai bei Gerth Medien erschienen ist, ist das dritte Soloalbum für den charismatischen Sänger mit texanischen Wurzeln. Für Herbst 2010 ist eine Tour mit Band angekündigt.<br /><br />Termine<br />23.7. D-Gomaringen<br />11.8. D-Neuffen<br />25.8. D-Osnabrück<br />29.10. D-Gomaringen<br />31.10. D-Nagold</i></p>]]></content:encoded>
			<category>dran_musikbuchfilm</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 11:58:56 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>&#132;Sch&#246;n ruhig habt ihr&#146;s hier &#133;!&#147;</title>
			<link>http://www.dran.de/no_cache/dran-service/dran-suchergebnis/artikel/ansicht//167023schoen-ruhig-habt-ihrs-hier.html?tx_ttnews%5Byear%5D=2010&#38;tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&#38;tx_ttnews%5Bday%5D=07</link>
			<description>Sechs Tage Schweigeexerzitien auf der Suche nach ein bisschen Frieden.</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><b><br />Mein Kopf ist</b> voll. Die letzten Wochen waren voller privater und dienstlicher Treffen und Termine. „Krass“ fanden meine Freunde die Ankündigung, für sechs Tage auf „Schweigeexerzitien“ zu fahren. Einfach mal die Klappe halten. Ich denke über meine Ziele nach. Ja, als Erstes will ich ruhig werden, Frieden finden, den ich seit Langem nicht mehr in der Stillen Zeit oder im Gottesdienst gefunden habe. Meine Welt ist laut, schnell und voll. Und ich liebe sie so. Das Wort „Shalom“ geht mir durch den Kopf. Es heißt übersetzt nicht nur Frieden, sondern auch Gelassenheit, Ruhe, Ausgeglichenheit. Alles Dinge, die ich nicht ausstrahle. Erstaunlich oft treffe ich Christen und Nichtchristen, die auch auf der Suche sind nach diesem inneren Frieden.<br /><br /><b>Vielleicht finde ich</b> ihn ja im Kloster Gnadenthal. Mit mir werden 35 andere Christen schweigen. Etwas erschrocken realisiere ich, dass ich zusammen mit einem Freund mit Abstand der jüngste Teilnehmer der Exerzitien bin. Beim Abendessen darf noch geredet werden. Einige der Teilnehmer kenne ich, andere lerne ich beim Small Talk kennen. So sehr ich mich auch bemühe, den Leuten positiv zu begegnen – innerlich habe ich doch nur einen Wunsch: Haltet einfach die Klappe, ich will meine Ruhe. Nach einer kleinen Einführung sagt der Leiter: „Jetzt schweigen wir.“ Endlich!<br /><br /><b>Der nächste Morgen</b>. Es war komisch, am Abend um Viertel nach neun auf mein Zimmer zu gehen. Normalerweise bin ich auf Seminaren einer der Letzten, der nach ein paar Gläsern Wein und langen Gesprächen ins Bett fällt. Doch der Schlaf lohnt sich: Um sieben Uhr wandern wir los zur Morgenandacht der Kommunität Gnadenthal im zehn Minuten entfernten Dorf. Wir laufen schweigend und doch kommunizieren wir. Ich werde es in den nächsten Tagen noch öfters bemerken, wie gut Blicke, ein Lächeln oder ein Schulterklopfer tun. In der kühlen Dorfkirche wird die Glocke noch von Hand von einem der Brüder geläutet. Echter Frühsport. Die Liturgie ist mir erstmal fremd. Die Gesänge sind unnatürlich hoch und vor lauter Beobachten komme ich gar nicht zum Beten. Den ganzen Tag wird mich das „Herr, erbarme dich, erbarme dich“ als Ohrwurm begleiten. Besser als „My heart beats like a jungle drum“ oder sonstigem Schrott, den ich zu Hause schon mal den ganzen Tag vor mich hin summe.<br /><br /><b>Das Frühstück ist </b>noch nicht verdaut, da finde ich mich auf einer Gebetsbank kniend vor einem Kreuz in der Kapelle wieder. „Gemeinsame Meditation“ steht auf dem Programm. Ein Bibelvers wird ein paar Mal vorgelesen und dann ist eine Stille von etwa zehn Minuten, die sich aber an einigen Tagen wie eine halbe Stunde anfühlen wird. Ich versuche auf meinen Atem zu achten, beobachte die anderen Teilnehmer und denke krampfhaft über das Bibelwort nach. Stille, wo bist du? Unruhig geht es zur Einführung zum Thema Meditation. Wir werden „die Bibeltexte essen oder besser gesagt wiederkäuen“, erklärt der Anleiter. Meditieren heißt wörtlich: „seinem Leben eine Mitte geben“. Im Schweigen sollen wir achtsam werden auf Menschen und auf Gott. Ich muss jetzt erst mal auf mich achten.</p>
<p class="bodytext"><b>Mühsam verbrachte Stunden</b> später. Ich sitze in der&nbsp; „Körperwahrnehmungsübung“, Eutonie genannt. Seit ich das Wort gestern Abend gehört habe, muss ich immer an Euthanasie denken. Ganz so schlimm wird es dann doch nicht. Ich liege rücklings auf einer Decke und spanne nach und nach verschiedene Körperteile an. „Die Hüfte spürt zum Boden“, sagt die Anleiterin. Ich wusste gar nicht, dass meine Hüfte so etwas kann. Ich muss schmunzeln und bin froh, dass mich keiner meiner Kumpels hier sehen kann.<br /><br /><b>Und dann darf</b> ich reden. Es ist 17 Uhr, der erste Tag. Ich sitze bei dem mir zugewiesenen „Begleiter“, und das ab heute jeden Tag für eine halbe Stunde. Mein Begleiter ist ein Schweizer Pfarrer. Christoph bietet mir das Du an. In dieser Woche wird er mir ein Vorbild dafür, wie ein geistlicher Vater und Mentor sein soll. Er fragt sehr viel, gibt wenig Anweisungen und trifft doch mit seinen Fragen so manchen guten und wunden Punkt. Er ist ein echter Begleiter auf meinem Weg zu Gott.<b><br /><br />Die Stunden bis</b> zum Abend ziehen sich endlos. Solange ich beschäftigt bin, halt ich die Stille ganz gut aus. Trotzdem schreibe ich am frühen Abend in mein Tagebuch: „Mir ist langweilig, ich will Tagesschau gucken.“ Ich klinge trotzig, merke ich. Kein Wunder: Hab auch keine Lust mehr. Mir fehlt mein Laptop, wenigstens ein schöner Krimi-Roman oder ein Fernseher. Ich will abschalten und nicht mehr beten, denken, Bibel lesen. Ich glaube Schweigeexerzitien waren keine gute Idee. Um 21 Uhr rettet mich der „liturgische Abendabschluss“, auf den ich mich echt gefreut hab. Endlich Programm. Er hat jeden Abend den gleichen Ablauf. Wohltuend.<b><br /><br />Der nächste Tag.</b> Ich wache mit einer tiefen Traurigkeit über einen Bereich meines Lebens auf. Gut, dass ich zur Morgenandacht muss. Seinen Tag mit einer Ausrichtung auf Gott zu beginnen, tut einfach gut. Eine einfache alte Wahrheit, die ich zu Hause zu selten lebe. Christoph erklärt im Morgeninput, dass Exerzitien übersetzt „geistliche Übungen“ bedeutet. Wir orientieren uns in dieser Woche an den Exerzitien nach Ignatius von Loyola. Dieser spanische Edelmann lebte im 16. Jahrhundert, und die ersten Exerzitien gingen vier Wochen (Krass, und ich kriege schon nach 24 Stunden die Krise). Themen in der Zeit sind Sünde, das Leben und die Nachfolge des irdischen Jesus, das Leiden und Sterben Jesus und als Letztes seine Auferstehung. Christoph ermutigt uns, dass wir uns auf das Neue Einlassen und warnt vor einer Werkgerechtigkeit. Ob wir Gott erleben werden, das ist seine Gnade.</p>
<p class="bodytext"><b>Mit einem neuen</b> Bibeltext schickt uns Christoph zum Meditieren. Diese Zeiten beginne ich immer mit einem Cappuccino und Schokolade, Füße hochlegen und dem Blick aus meinem kleinen Zimmer. So meditiere ich gerne. Gestern habe ich mir ein Gebet ausgesucht, das ich nun immer zum Beginn beten soll. Heute trifft mich ein Satz: „Ich brauche nichts zu leisten.“ Oh ja, danach sehne ich mich: Mal nichts leisten zu müssen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, will ich doch auch was leisten. Ich merke, wie sehr mein Wert und mein Glücksgefühl an meiner Leistung, an Lob hängen. Blödes altes Thema in meinem Leben. Dann schlafe ich ein. Ich bin müde und werde bis zum Nachmittag immer müder. Aber die Müdigkeit ist nicht nur körperlich. Ich bin müde zu kämpfen, zu schreiben, sich um mich zu drehen, anderen zu dienen. Zu müde, um Gott hier zu treffen. „Gib der Müdigkeit Raum!“, ermuntert mich Christoph im Begleitgespräch. Es ist<br />okay müde zu sein. Er versucht keine Lösung dafür zu finden, sondern fragt und analysiert.<b><br /><br />Gegen das „Tagesschau-Loch</b><b>“</b> schreibe ich am Abend einen Brief an Gott. Anders als erwartet sprudeln die Wörter nur so aus mir heraus. Alle Fragen, alle Gefühle, alle Anklagen an andere kommen in diesen Brief. Stark! Das sollte ich öfter tun.<b><br /><br />Der nächste Tag. </b>Ich hab’s. Hab weiter über die Müdigkeit nachgedacht. Konflikte machen mich sehr schnell müde. Laugen mich aus. Statt der Körperwahrnehmung mache ich heute eine lange Wanderung. Ignatius ermutigt, „Gott in allem zu entdecken“. Ich überlege kurz einen Baum zu umarmen und lache im gleichen Augenblick über den Gedanken. Aber ich gehe sehr aufmerksam durch den Wald. Geräusche nehme ich anders wahr. Ich bin sensibilisiert. Ich begegne einem Reh, das vor mir flüchtend gegen einen Zaun springt. Später sehe ich wieder ein Reh auf der anderen Seite des Zaunes. Ich will auch über diesen Zaun von Müdigkeit und traurigen Gedanken …<b><br /><br />20.55 Uhr. </b>In meinem Tagebuch steht: „Ich bin erlöst.“ Das Gespräch mit Christoph tat gut und hat mir eine neue Sicht auf ein Problem eröffnet. Gott hat mich berührt. Richtig erklären kann ich es nicht. Überhaupt passieren die unwirklichsten Dinge: Ich habe gerade dreißig Minuten alleine in der Kapelle Lobpreislieder gesungen. Verrückt. Freiheit. Freude. Dazu muss man wissen, dass ich kein großer Lobpreis-Fan bin und eher der rationale Typ. Wieso hat man solche Highlights nur so selten in seinem Alltag als Christ? Ja, ich weiß – weil es sonst keine Highlights mehr wären. Ja ja.<br /><br /><b>Der vorletzte Tag.</b> Die Tageszeitengebete der Bruderschaft um 7.15 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr werden mir vertrauter. Ich kenne manche Texte und weiß, wann man aufsteht. So langsam verstehe ich besser, wieso Liturgie für so viele ein Zugang zu Gott ist. Heute beichte ich in meinem Begleitgespräch. Schon seit vielen Jahren sind für mich Seelsorgegespräche mit Beichte verbunden. Diese Worte des Seelsorgers tun immer wieder so gut: „Deine Schuld ist dir vergeben“. Danke, Gott.</p>
<p class="bodytext"><b>Der letzte Tag.</b> Ich nehme mir noch einige Sachen vor, die ich zu Hause ändern möchte. So langsam reicht mir so viel Frommes! Habe wieder Lust auf’s normale Leben: meine Frau, meine Mails, telefonieren.<b><br /><br />Nach dem Tagesabschluss</b> sitze ich mit meinem Kumpel Christian auf ein &quot;stilles Bier&quot; zusammen. Das hatten wir schon am Sonntag so verabredet. Aus dem stillen Bier werden drei Stunden intensives Gespräch. Witzig: Auch Christian hatte am Montagabend seine Krise und überlegte abzureisen. Aber auch er hat ganz besondere Erfahrungen mit Gott gemacht.<b><br /><br />Einige Monate später.</b> Ich sitzte vor meiner neu eingerichteten Meditationsecke. Vor mir ein Kreuz, eine Klangschale, eine Kerze, ein Kaffee und die Bibel. Das hätte ich vor der Woche in Gnadenthal im Leben nicht so arrangiert. Mein Versuch ruhig zu werden, gelingt wie so oft nur schwer. Aber es tut mir gut diesen Ort zu haben. Mein Leben ist auch nach den Exerzitien laut und schnell. Ich bin begeistert, wie sich ein paar der Probleme von damals &quot;befriedet&quot; haben. Ich bin immer noch ein Friedenssucher. Aber ich genieße die Augenvlicke in denen dieser &quot;Shalom&quot; spürbar wird: in meiner Meditationsecke, beim Abheben eines Flugzeugs, beim Langlauf in einer vereisten Naturlandschaft, im Lächeln eins Babys, ... Gott und sein Friede sind da.<b><br /><br />Chris Pahl ist Jugendreferent bei crossover und Buchautor. Er lebt mit seiner Frau Johanna in D-Leipzig.</b><br /><br />Exerzitien werden von verschiedensten Häusern der Stille und Kommunitäten angeboten. Schweigetipps gibt's auch auf <a href="http://www.jahr-der-stille.de/" title="Opens external link in new window" target="_blank" class="external-link-new-window" >www.jahr-der-stille.de</a> | <a href="http://www.jahrderstille.ch/" title="Opens external link in new window" target="_blank" class="external-link-new-window" >www.jahrderstille.ch</a></p>]]></content:encoded>
			<category>dran_jetztleben</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 13:22:52 +0200</pubDate>
			
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			<title>Wenn der Blues kommt</title>
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			<description>Sehnsucht fühlt sich nicht immer gut an. Aber was wäre das Leben ohne sie? Auf der Suche nach dem...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><b><br />Blues ist nicht deine Musik?</b> Glaube mir, es geht um viel mehr als Musik. Es geht um das Wichtigste überhaupt – um dein Herz! Montagmorgen auf dem Weg zur Schule oder Arbeit, du sitzt im Zug, im Tram oder Bus. Deine Mitreisenden sind grau in grau wie jeden Montagmorgen – ist das wirklich alles? Ist das mein Leben, macht das Sinn? Du spürst ihn, den Blues, wie er sich langsam Raum nimmt. Sonntagabend, das Wochenende ist vorbei und es wird dunkel draußen – und drinnen. Du bist in deinem Zimmer, hast deine Dinge erledigt und nun stehst du da und denkst nach: Was mache ich jetzt …? Plötzlich spürst du diese innere Leere – der Blues drückt durch.<br /><br /><b>Wann trifft dich</b> der Blues? Bist du eher der Sonntagabend- oder eher der Montagmorgen-Typ, oder gar beides? Die einen trifft der beklemmende Alltagsblues beim Schauen einer TV-Serie, die anderen irgendwann in der Vorlesung und wieder andere vor dem Einschlafen. Der Blues trifft uns alle, Banker, Bäcker, dich und mich. Was aber ist dieser Blues und was mache ich mit ihm – und was macht er mit mir? Inzwischen liebe ich den Blues, er ist ein echtes Geschenk Gottes. Aber beginnen wir von vorne.<br /><br /><b>Den Blues als</b> eher banalen Musikstil, den kennen wir wohl alle. Doch der Blues ist auch Ausdruck eines Gemütszustands, der sich am ehesten mit dem Begriff Melancholie beschreiben lässt. Ein Zustand von vermeintlich unbegründeter Traurigkeit, die einen plötzlich und unerwartet übermannt. Der Blues-Musiker gibt diesen Gefühlen Raum und versucht sie in Melodien, Rhythmen und Takten umzusetzen, ihnen Ausdruck zu verleihen. Seine Einfachheit hebt den Blues aber auch von anderen Musikstilen ab. Er gilt als ehrlich, direkt und schnörkellos, weshalb er viel von dem auf den Punkt bringt, was wir eben nicht in Worte fassen können. Bei meiner Arbeit mit dem Blues wurde mir klar, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Solche, die den Blues „nur“ hören, und andere, die ihn auch spüren, bei denen etwas „anklingt“.<br /><br /><b>Was aber macht</b> einen Blues-Musiker aus? Ein richtiger Blues-Musiker ist nicht einfach ein guter Musiker, sondern ist vielmehr jemand, der aus dem Herzen lebt. Ein perfekt nach Noten gespielter Blues ist schlicht langweilig. Erst wenn er den Charakter des Musikers widerspiegelt, beginnt er spannend zu werden. Erst wenn der Musiker sein Herz und sein Leid einbringt, trifft er diese innere Leere, diese Melancholie, diesen unstillbaren Durst nach dem „Ich weiß nicht was“. Wenn dann noch andere Blues-Musiker dazukommen und ihre eigenen „Stimmungen“ und „Töne“ einbringen, dann wird es richtig gut. So ist es auch bei allem, was ich hier schreiben werde. Es mag alleine gehen, aber wenn zwei oder drei zusammen sind, dann klingt es richtig gut. So rät uns auch Jesus: „Wo zwei oder drei zusammen sind, dort bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).</p>
<p class="bodytext"><b>Der Blues als</b> Musik ist zugleich melancholisch als auch voller Energie. Genauso wie die Psalmen mit ihrem klagenden und jammernden Untertönen. Klagen setzt eine enorme Kraft frei. Es gibt Hoffnung, Mut und Zuversicht. Aus dieser Perspektive kann man König David wohl als den ersten großen Blues-Musiker bezeichnen: Er hat genau das in seinen Psalmen gemacht. Viele seiner Songs sind in der Bibel zu finden. Gott nennt in der Bibel nur David einen „Mann nach Gottes Herzen“ (1. Samuel 13,14; Apostelgeschichte 13,22). Was aber war so besonders an ihm? Er hatte definitiv keine weiße Weste und war nicht besser als andere. Sein Geheimnis: Er hatte keine Geheimnisse vor Gott – was für sich genommen schon ein absurder Gedanke ist: Geheimnisse vor Gott zu haben. David machte Gott nichts vor. Mehr noch, er warf Gott alle seine Emotionen vor die Füße, all seinen Schmerz, seine Not, seine Wut und seinen Frust. David war „herzlich“, er lebte ganz aus seinem Herzen. David kannte den Blues und meisterte ihn.<br /><br /><b>In der Beziehung</b> zu Gott müssen wir uns nicht verstellen. Das intellektuell zu verstehen ist einfach, das aber auch zu leben unglaublich viel schwieriger. Oft lassen wir Gott nur in einen Teil unseres Herzens. In den Teil, den wir gut finden. Eigentlich belügen wir Gott, wenn wir ihm nicht alles offenbaren. Er will echte Beziehung in guten, in mittelmäßigen und auch in schlechten Zeiten. Gott will keinen „Mir geht es gut und ich habe alles im Griff“-Lobpreis. Geben wir zu, dass uns etwas fehlt. Klagen bedeutet zu bekennen: Es geht alleine einfach nicht wirklich gut.<br /><br /><b>Wir leben durch</b> und durch aus dem Verstand und haben scheinbar alles unter Kontrolle. Wir machen alles richtig und korrekt, wir sind so, wie wir sein sollten – oder? Wenn dem so ist, wie erklären wir uns dann diese tiefe Traurigkeit in uns? Wir haben den Kontakt zu unserem Herzen verloren. Unser Herz braucht Zeit, um nachzukommen und zu verarbeiten, Zeit, die uns schlicht und einfach fehlt. Ich bin überzeugt, viele der modernen Krankheiten wie Burn-out, Erschöpfungsdepressionen und so weiter sind darauf zurückzuführen. Uns fehlt die Zeit, um „herzlich“ zu sein. Wir leisten, liefern und funktionieren. Unser Herz bleibt auf der Strecke. Und dann trifft es uns plötzlich und unerwartet: Das Herz meldet sich mit diesem ekelhaften Gefühl. Es ist dieses Gefühl, das uns sagen will – ja, was denn eigentlich?<br /><br /><b>Das Leben ist nicht</b>, wie es sein sollte. Unser Herz sehnt sich nach dem Ort, an den es gehört, wo es zuhause ist. Dort wo das Leben so ist, wie es eigentlich gedacht ist: Es hat Sehnsucht nach dem Paradies! Unser Herz aber liegt außerhalb von Eden, und das tut weh. Wenn etwas weh tut, dann braucht es Pflege und besondere Aufmerksamkeit. Oft verstehen wir Selbstmitleid als etwas Negatives und als Schwäche. Eigentlich bedeutet es ja „mit sich selbst Mitleid haben“. Jesus gibt uns im höchsten Gebot den Auftrag: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wie sollen wir mit anderen Mitleid haben, wenn wir nicht auch mit uns selbst Mitleid haben? Es ist ein befreiendes Bekenntnis: Ich habe eine innere Leere. Es braucht oft schwere Schläge oder einen inneren Zerbruch, damit wir zugeben können: Ich kann es nicht alleine. Erst dann können wir unserer inneren Not Raum und dem Herzen eine Stimme geben: Dann fließen die Tränen. Dann durchbrechen wir die Schutzbehauptung „Mir geht es gut und ich hab alles im Griff“. Jetzt lassen wir uns von Gott helfen und die Heilung kann beginnen. Wer den Blues zugibt, stellt eigentlich eine Frage ohne Worte. Und wir können die Antwort Gottes in unserem Herzen hören: Du bist mein Kind, du bist gut, du bist wertvoll und du bist nicht schuld! Denn ich habe dir alle Schuld vergeben.</p>
<p class="bodytext"><b>Viele Blues-Stücke</b> handeln von diesen persönlichen Aufbrüchen, um in der Welt den Ort zu finden, wo das Herz hingehört. Die meisten dieser Songs enden mit der Rückkehr nach Hause. Die biblische Geschichte der beiden verlorenen Söhne (Lukas 15) ist auch ein solcher Blues. Oder die Geschichte von der Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4), die versucht, ihren Lebensdurst mit der Liebe von Männern zu stillen. Da begegnet ihr Jesus. „Herr, gib mir dieses Wasser, ich brauche es!“, sagt sie. Wasser brauche ich zum Leben – ob ich zugebe, dass ich durstig bin oder nicht. Zugeben zu können, selbst bedürftig zu sein, ist befreiend. Es gibt einem die Kraft, einem Kontrollverlust zuzustimmen und öffnet den Zugang zum eigenen Herzen – und dadurch auch zu Gott. Es löst, entkrampft und schenkt Ressourcen! Je länger wir versuchen, die Kontrolle zu behalten, umso mehr Kraft brauchen wir dafür. In dem Moment, wo wir dem Blues Raum geben und loslassen, werfen wir alles Gott vor die Füße. Wir spüren, es ist nirgendwo besser aufgehoben als dort. Und Gott hält dies aus, er hält uns aus, er hält alles aus! So verstehe ich die Aussage von Jesus: Ihr müsst loslassen, um zu erhalten.<br /><br /><b>Auch wenn das</b> seltsam klingt: Der Blues ist unser Lebenselixier. Es treibt uns an, die Welt zu erobern, unser Glück zu suchen, eine Familie zu gründen und vieles mehr. Es ist diese Sehnsucht, die uns antreibt, die Dinge anzupacken und etwas zu verändern. Sehnsucht ist auch das, was das Leben erst lebenswert macht. Die Energie, die aus etwas Grauem etwas Farbiges macht: Im Sommer sehne ich mich nach Schnee, endlich wieder Snowboarden. Doch wenn es dann soweit ist, kommt die Sehnsucht wieder: Sehnsucht nach Sonne, Wärme und Strand. Dieses Sehnen macht aus einem normalen Sonnenstrahl, der nach einer langen Regenzeit durch die Wolkendecke bricht, etwas ganz Besonderes. Sie macht aus einem normalen Menschen jemanden, der mir wichtig ist. Das unerfüllte „Hier fehlt doch etwas“- Gefühl ist daher ein Geschenk Gottes. Es ist der Ruf, den Gott in dein Herz hineingelegt hat.<br /><br /><b>Den Blues zuzulassen</b>, ist wirklich nicht einfach. Ihn auch noch Wert zu schätzen ist noch viel schwieriger, ihn zu lieben aber ist der Anfang der Versöhnung mit ihm. Und genau darum geht es beim Alltagsblues. Oft gleicht das Vordringen zur eigenen Sehnsucht, zu dem was hinter allen Verletzungen, Zuschreibungen, Erniedrigungen verborgen ist, einem Kampf mit der Machete durch den Dschungel. Es gleicht einer richtigen Expedition. So viel Unkraut, ganz eng verknüpft mit dem Guten und Schönen (Matthäus 13,26–30). Es lässt sich nicht trennen. Spreu und Weizen, beides muss zugelassen werden … und plötzlich beginnt das Herz zu weinen (in seiner Sprache zu sprechen), zu verarbeiten und zu heilen. Plötzlich finden unsere Emotionen wieder zu uns zurück.<br /><br /><b>Es gibt Dinge</b>, denen es gelingt, zu unserem Herzen durchzubrechen: Erlebnisse, Musikstücke, Filme oder auch Bibelverse, die uns nahegehen. Ich habe einige Musikstücke, die mir helfen, den Zugang zum Herzen zu öffnen. Ich weiß, wenn ich die höre, dann kommen die Tränen. Dann tue ich mir etwas Gutes, mache mir einen feinen Latte Macchiato, setze mich in meinen Sessel und freue mich über den Blues und die Heilung meines Herzens. Solche Momente helfen uns, uns mit dem Leben zu versöhnen. Und Gott freut sich unendlich, wenn unsere Herzen wieder mitfühlen. Jetzt merken wir, unser Herz brennt für etwas. Unser Herz hat einen Ruf gehört, es hat eine Berufung, es wurde für etwas geschaffen.<br /><br /><b>Reto Nägelin ist Bluesdiakon und lebt in CH-Rüschlikon.<br /></b><br />Einmal im Monat bietet Reto Nägelin einen Afterwork-Gottesdienst in der Wasserkirche mitten in CH-Zürich an. Ein Gottesdienst mit Live-Musik, doch bewusst schlicht und „Back to the Roots“. Eine Zeit, um mitten in der Hektik dem<br />eigenen Alltagsblues Raum zu geben.<br /><a href="http://www.bluesdiakon.ch/" title="Opens external link in new window" target="_blank" class="external-link-new-window" >www.bluesdiakon.ch</a></p>]]></content:encoded>
			<category>dran_thema</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 26 May 2010 11:27:46 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>&#132;Jede Biografie hat eine Chance&#147;</title>
			<link>http://www.dran.de/no_cache/dran-service/dran-suchergebnis/artikel/ansicht//166571jede-biografie-hat-eine-chance.html?tx_ttnews%5Byear%5D=2010&#38;tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&#38;tx_ttnews%5Bday%5D=19</link>
			<description>Torsten Hebel tanzt mit blu:boks gegen die Perspektivlosigkeit
eines Großstadtghettos.</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><b><br />Berlin-Lichtenberg</b>, ein fast vergessener Stadtteil im Osten der Hauptstadt. Das blu:boks-Hauptquartier ist im ehemaligen Jugendaufbauwerk Ost untergekommen, umgeben von sozialem Wohnungsbau. „Der ist noch nett“, sagt Projektleiter Torsten Hebel, und zeigt dann durch einen schmalen Spalt in der Häuserfront auf zwei alte Hochhaustürme, in denen tausendzweihundert Bewohner hausen, darunter etwa fünfhundert Kinder. Ghettoisiert. Stigmatisiert. In den Treppenhäusern dreht gern das Prekariatsfernsehen, weil es die Bilder bekommt, die es braucht. Wer hier landet, ist froh, überhaupt noch ohne Schufa-Auskunft eine Wohnung zu bekommen. Etwa dreißig Prozent sind deutschstämmig.<br /><br /><b>Fakten, die für blu:boks</b> sprachen, als Initiator Torsten Hebel im Januar 2008 das Jugendamt betrat und sagte: „Passt auf, Leute. Das ist das, was ich zu geben habe – könnt ihr damit was anfangen?“ Sie konnten. Die Jugendamtsmitarbeiterin gab Torsten Hebel Engels und Marx zu lesen, er gab ihr die Bibel. Auf der Grundlage verstand man sich und realisierte die Pläne. Rückblickend ist sich der Sozialpädagoge sicher: Ohne öffentlichen Schulterschluss und die Hilfe des Amtes wäre blu:boks nicht in Lichtenberg angekommen.<br /><br /><b>blu:boks entwarf</b> ein Musik-Tanz-Theater-Projekt für 14- bis 17-Jährige. Angesprochen fühlten sich die Kinder. „Da gibt’s nur eins: Entweder du stellst das Konzept um und kümmerst dich um die, die da sind, oder du schickst die weg, die da sind, und hältst an deinem Konzept fest.“ blu:boks reagierte und öffnete sich für die Kinder. Flexibilität wurde zum Markenzeichen: Weil man merkte, dass die Kids motorisch nicht besonders fit sind, gibt es jetzt einen Bastel-Kreativ-Näh-Workshop, der Fantasie und technische Fertigkeiten zusammenbringt. „Wir ändern unser Konzept wöchentlich. Wenn wir merken, dass wir einen Klöppelkurs brauchen, werden wir auch den anbieten.“<br /><br /><b>Seit Herbst letzten Jahres</b> nehmen etwa sechzig Kids an den Workshops und Proben zum Bühnenprojekt teil. Zweimal die Woche kommen sie raus aus ihrer eingeengten Welt und entwickeln ihre Fähigkeiten an der Seite erfahrener Schauspiel-, Gesangs- und Tanzcoaches – alles „Leute, die was draufhaben und die Demut besitzen, ihr Wissen an Leute weiterzugeben, von denen man erstmal keinen großen Applaus kriegt“. blu:boks hält den künstlerischen Anspruch bewusst hoch, ohne die Menschen hinter den Talenten zu vergessen. „Kinder brauchen Herausforderung“, erklärt Torsten. Und die finden sie hier: Im Herbst mündet das Projekt auf der großen Bühne. Drei Abende lang werden die jungen Tänzer und Sänger im Jugendstaatstheater in Berlin gastieren, dem einzigen in Europa. Für einige der Kinder ist es das erste Mal, dass sie so etwas wie eine Perspektive im Leben haben.</p>
<p class="bodytext"><b>Eines dieser Kinder</b> ist die zehnjährige Anna*. Als sie im Oktober zu blu:boks kam, traute sie sich nicht einmal ihren Namen zu sagen. Im Dezember schaffte sie erstmals einen Text auf der Bühne zu sprechen. Heute rede Anna nur noch von blu:boks, sagt ihre Lehrerin, und ergänzt: „Seitdem sie bei Ihnen ist, beteiligt sie sich am Unterricht, spricht vor der Klasse und hat soziale Kompetenzen aufgebaut, dass man sie gar nicht wiedererkennt!“ Nichts motiviert Torsten Hebel mehr als Lebensgeschichten wie Annas – sie sind der Lohn seiner Arbeit.<br /><br /><b>Hinter dem Erfolg</b> steckt ein Vorsatz: Sobald ein Kind dieses Gebäude betritt, bekommt es maximalen Wertzuspruch, maximale Anerkennung. „Wir wollen den Kids so begegnen, wie Jesus jedem von uns begegnet ist. Manchmal auch mit einem klaren Wort, das Grenzen zieht, aber meistens auch mit einer unendlichen Liebe“, sagt er. Jesus habe den Menschen brutto geliebt, ohne Abzüge. blu:boks will er trotzdem nicht als christliches Projekt verstehen, sondern als „sozial-kulturelle und gesellschaftsrelevante Arbeit von Christen“. Mit offenen Armen für jeden, der mit Leidenschaft für seine Profession das Evangelium auf diese Art verkörpern möchte, und „mit allen Werten die dahinterstecken“. Entsprechend sorgt das Projekt in manchen Kreisen der christlichen Welt, die nach dem Verkündigungsaspekt suchen, für Irritationen. Muss ein christliches Projekt offensiv von Christus reden? „Das drehen wir um: Bevor man etwas sagt, muss man sich das Recht erwerben, gehört zu werden“, ist Torsten Hebel überzeugt. Um ernstgenommen zu werden mit einem ganz anderen Lebenskonzept, werben er und seine Mitarbeiter um das Vertrauen der Kinder. Die Botschaft: Das Reich Gottes ist angebrochen, die Gesetzmäßigkeit ist verändert. Jede Biografie hat eine Chance.<br /><br /><b>So auch die</b> von Lena und Ivan*. Die beiden sind 17 und mit die ältesten Kids im Projekt. Zurzeit haben beide eine Auszeit genommen, weil sie die Schule nicht geschafft haben. Manchmal ruft Ivan vor Gerichtsterminen an, um seine Angst zu teilen. Lena sagt, sie habe noch nie so stark gespürt, dass Menschen an ihrer Person interessiert sind. Nicht zuhause, nicht in der Schule. Nirgendwo.<br /><br /><b>„Wir verkündigen hier</b> mit allem, was wir sind und haben das Evangelium – und manchmal reden wir auch darüber!“, fasst der Theologe und Schauspieler in einem Satz zusammen. Zu den „Verkündigern“ gehören eine ganze Reihe namhafter Christen: Künstler wie Daveman, Moderator Tim Niedernolte, Schauspieler Rolf Dieter Degen und seine Frau Monika. Kein Wunder, sagt Torsten Hebel. „Die meisten Künstler, die ich kenne sind Christen!“ Vieles laufe über Freundschaft und den Glauben ans Projekt. Anfangs habe er immer auf einen Träger gewartet, in dessen Windschatten er hätte mitfahren können. Nichts funktionierte, „bis zu dem Moment, als ich selbst die Verantwortung übernommen habe. Erst als ich mich riskiert habe, kamen die Leute nach. Gott sei Dank ist dann auch das Blaue Kreuz in Deutschland als Träger des Projektes in die Bresche gesprungen“. Viele ehrenamtliche Helfer kommen über das Berlinprojekt, eine junge Gemeinde mit der blu:boks ebenfalls kooperiert. Außerdem gibt es Menschen, die ihre Arbeit auf achtzig Prozent reduzieren und zwanzig Prozent der Zeit blu:boks schenken, um den Kids als Life-Coaches bei Bewerbungstrainings, Hartz IV-Anträgen oder seelsorgerlich zur Seite stehen. Ansonsten reicht das Budget für zweieinhalb Hauptamtliche und neun Honorarkräfte.</p>
<p class="bodytext"><b>Auf die Frage,</b> wie blu:boks entstanden sei, gibt es zwei Versionen, die Torsten erzählen kann. Er erzählt mir eine ohne Engel, Visionen und Prophetien. Wie er anfangs zu groß dachte und sich am alten Stadtbad, einem riesigen Klotz, zwei Jahre lang fast verhoben hat. „Ein Mann Gottes muss so etwas Großes leisten“, dachte er und träumte von Disko und McDonald’s. Am Tag der Mietvertragsunterzeichnung sprang ein Investor ab, Torsten Hebel kam mit blauem Auge davon. „Das wäre mein Grab geworden.“ Stattdessen fand sich blu:boks im Pavillon des ehemaligen Jugendaufbauwerks Ost wieder, das seit der Wende leerstand. Wahrlich kein Ort zum Abheben. Bis zum Sommer zahlt das Projekt in den städtischen Räumen keine Miete. Für die Zeit danach musste man sich aber nach einem neuen Gebäude in der Nachbarschaft umsehen und fand eine Parzelle im Einkaufszentrum eine Straße weiter. Fünfhundert Quadratmeter mitten im öffentlichen Raum, mit der Chance Kontaktflächen zu schaffen. Ein Café vielleicht, um einen besseren Kontakt zu den Eltern herstellen zu können, die sich teilweise nur wenig für das Leben ihrer Kinder interessieren. Das ist der Stoff, aus dem die blu:boks-Träume sind.<br /><br /><b>Bis zum Herbst</b> ist es aber noch ein weiter Weg. Vor allem finanziell. Bei blu:boks denkt man von Tag zu Tag. Erst mal sehen, wie man durch den Sommer kommt. Auch Erwachsene brauchen Herausforderung.<b><br /><br />Pascal Görtz leitet die dran-Redaktion.<br /><br /></b>*Namen geändert<br /><br /><b>Web </b><a href="http://www.bluboksberlin.de/" title="Opens external link in new window" target="_blank" class="external-link-new-window" >www.bluboksberlin.de</a></p>]]></content:encoded>
			<category>dran_workshop</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 19 May 2010 13:57:43 +0200</pubDate>
			
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