Warum wir uns gar nicht sofort entscheiden müssen, aber zaudern auch nicht immer hilft
Um mich herum grassiert das Gebären. Als hätte irgendjemand den offiziellen Anpfiff zur Fortpflanzung gegeben. Sonntags im schmalen Gemeindefoyer auf dem Weg zur Kaffeebar bahne ich mir den Weg vorbei an Bäuchen, vierter Monat … rums …, sechster Monat … oh, Entschuldigung … Ich finde Kinder klasse, die meisten zumindest. Aber ich fühle mich nicht persönlich angesprochen. Sollte ich? Ich bin 33. Ich habe den richtigen Mann. Ich habe keine körperlichen Gebrechen. Und ein Leben mit Kindern ist für mich erstrebenswert. Was mir mangelt, ist das innere Verlangen. Das Jetzt. Dieses urweibliche Bereitsein, sofern es das geben sollte. Ich zögere. Dabei finde ich Spätgebären auch blöd. Mein Kopf sagt: Anpfiff ist das Vernünftigste. Mein Bauch sagt: Ach, nö, lieber noch ein bisschen warten. Also zögere ich die Sache weiter raus. Aber irgendwann muss … will ich ja. Ist das unnötige Zauderei? Oder ein begründetes Zögern, weil ich noch Zeit brauche? Ich bin ein anpackender Mensch und treffe gerne klare Entscheidungen. Aber in dieser Sache bin ich entschieden zögerlich.
Zögerlich – das klingt negativ, irgendwie kleinlaut, schwach und wankelmütig. Zögern, das riecht nach Charakterschwäche und mangelnder Entschlusskraft. Gerade heute, so sagen uns die Karrierezeitschriften, sollten wir zielstrebig und engagiert sein, tatkräftig in jeder Lebenslage. Sonst verpassen wir Chancen.
Dabei ist es wertvoll, wenn wir zögern können. Wenn wir wissen, wann wir zögern müssen, um nicht übereilt zu entscheiden oder uns tollpatschig in eine Situation hineinzumanövrieren, über die wir später nur den Kopf schütteln. Schon mal am Morgen danach heilfroh gewesen, sie oder ihn nicht geküsst zu haben, obwohl der Moment so golden, die Sonne so rosarot war? Zögern, das sollten wir ruhig häufiger. Denn Zögern ist eine Stärke. Es ist klug, reif, manchmal sogar sehr mutig. Zögern erlaubt uns ein kurzes oder langes Innehalten, eine innere Warteschleife, in der wir denken, fühlen und sortieren können: Will ich das wirklich? Ist das richtig? Was hat das für Folgen? Mit dem Zögern geben wir uns Zeit. Mit dem Zögern lassen wir den Lauf der Dinge an einem Punkt stillstehen. Zögern lässt sich bewusst einsetzen wie eine Taktik. Politiker wenden sie gezielt an, Firmenbosse und Prominente ebenso. Wer das Zögern beherrscht, vertagt damit Wichtiges auf einen günstigeren Zeitpunkt. Zögern macht erfolgreich und effektiv. Es hilft uns, unsere Kräfte weise einzusetzen.
Quelle:dran




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