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Allein der Begriff „Stille Zeit“ hat in Holger Mix jahrelang nur Eines auslöst: inflationäre Schuldgefühle. Wie sich die Zeiten doch ändern.


Es ist zum Glück
schon ein paar Tage her. Ich saß auf dem Bett in meinem Zimmer, kniff meine Augen zu und stammelte ein Gebet: „Herr, wenn du mir alle meine Sünden noch einmal vergibst, dann werde ich auch fünf Kapitel in der Bibel lesen.“ Gesagt, getan. Zeitsprung. Fünf Tage später. Ich saß wieder auf dem Bett, das noch immer in meinem Zimmer stand. Mit einem ähnlichen Gebet auf den Lippen: „Herr, wenn du mir jetzt noch mal vergibst, dann werde ich zu den fünf Kapiteln, die ich noch nicht gelesen habe, noch einmal zehn Kapitel lesen.“ Der findige Leser ahnt, wohin die Reise ging: Schnell war ich mit meinen eigenartigen Deals bei hundertzwanzig bis hundertvierzig Kapiteln angelangt. Vermutlich hätte ich in ein Kloster eintreten müssen, um das Pensum zu bewältigen: Immer und immer wieder nahm ich die Bibel und las Kapitel für Kapitel herunter, um den scheinbar gierigen Gott dort oben zu befriedigen. Und so ging es einige Zeit weiter, bis ich wegen der inflationären „Bibelleseschuld“ die Beziehung zu Gott abbrach und mich einfach nicht mehr um ihn kümmern wollte.

Was jetzt vielleicht
witzig klingt, war in dieser Zeit meines Lebens üble Realität: Ich versuchte Gott mit meinem Bibellesen zu befriedigen und mir so seine Gunst und Gnade zu kaufen. Heute muss ich über meine eigenartige Beziehungsgestaltung mit Gott schmunzeln. Aber so weit weg scheint mir das manchmal gar nicht zu sein, wenn ich mit anderen Christen rede. Es gibt eine ganze Reihe von Christen, die unzufrieden mit sich sind und sich vor Gott schuldig fühlen, weil sie ihre „Stille Zeit“ nicht hinkriegen. Viele trauen sich keine lebendige Gottesbeziehung zu führen, weil es ihnen so vorkommt, als würden sie ihren Teil der Abmachung nicht einhalten: Das tägliche Bibellesen und Beten. Andere fühlen sich gar nicht mehr schuldig, sondern nehmen es einfach so hin, dass sie persönlich nicht mehr in der Bibel lesen. Und sie erwarten geistlich auch nicht mehr viel. Entweder kennen sie die Tradition der „Stillen Zeit“ gar nicht, oder aber sie haben für sich die neue „Freiheit“ entdeckt, in der die Gnade Gottes nicht von dem persönlichen Bibelstudium abhängt. Beide Gruppen haben eines gemeinsam: Sie lesen nicht in der Bibel. Und diesem Phänomen begegne ich landauf landab. Gerade die Christen protestantischer Herkunft, die sich einer Reformation so verbunden fühlen, die das „sola scriptura“ (Allein die Schrift) so sehr betont hat, kennen ihre eigene Grundlage nicht mehr. Aber warum ist das so? Ich habe bei mir zwei Hindernisse festgestellt, die das Bibellesen schwierig machen:

Hindernis Eins:
Was ist für mich die Bibel?

Viele Christen glauben zwar, dass die Bibel die Grundlage des christlichen Glaubens ist und mehr als nur ein Buch. Aber vielen ist nicht mehr klar, was die Bibel für sie ist. Und so einfach ist das auch nicht zu sagen: Denn je nachdem, wen man fragt, bekommt man auch unterschiedliche Antworten: Für die einen ist es eine historische Textsammlung und für andere ein fast magisches Zauberbuch. Für manche ist wichtig, dass die Schrift auf Punkt und Komma stimmt und manche sehen in ihr lediglich eine ganz menschliche Textsammlung. Was ist richtig? Hier ist es sicherlich hilfreich, erstmal für sich selbst festzuhalten, was die Bibel für einen ist:

Wenn ich sie nur als Textsammlung sehe und in Textinterpretationen in der Schule nie ein großer Held war, dann wird das Bibellesen für mich eher zu einer
Deutscharbeit als zu einer Gottesbegegnung.

Wenn sie für mich größtenteils ein historisches Dokument ist und ich kein Geschichtsfreak bin, dann brauch ich mich nicht zu wundern, dass mich die staubtrockenen Fakten langweilen.

Wenn sie für mich überwiegend ein Ratgeberbuch ist, das mir sagen soll, wie ich mein Leben zu gestalten habe, dann erscheint sie von der Form her so verwirrend (lauter Geschichten, Gedichte, Lieder), dass sie für meine Belange nur irreführend sein kann.

Wenn sie vorwiegend inspiriertes Wort Gottes ist und ich auf Stellen stoße, die
ich nicht verstehe, dann erscheint Gott mir fremd, undurchsichtig und unerreichbar.

Wenn sie für mich nur das Reden Gottes in meine Zeit hinein ist und ich sie daher als eine Art Orakel für mein Leben verwende, dann kann ich schnell enttäuscht werden, wenn die Bibel mir gerade nichts Konkretes zu sagen hat oder Situationen doch nicht so einfach zu handhaben sind, wie ein einzelner Bibelvers das suggeriert.

Quelle:dran