Wir Männer sind nicht unbedingt dafür bekannt, besonders pflegsam mit Freundschaften umzugehen. Ein paar Frischhaltetipps für Männerfreundschaften hat Dennis Viehoff aber doch auf Lager
1996 hörte ich eine Platte, die mein damaliges Leben maßgeblich beeinflusste. Es handelte sich um ein Album der Hamburger Band Tocotronic. Es trug den wahrlich passenden Titel: „Wir sind gekommen, um uns zu beschweren.“ Mein Kumpel und ich hörten die Scheibe rauf und runter, denn sie passte ganz gut auf das Leben zweier Teenager, die ihren Platz im Leben suchten. Besonders angetan hatte es mir der Song: „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen.“ Es war ein wunderbares Lied, um in Selbstmitleid zu versinken – mit einer sagenhaften Länge von einer Minute und vierzig Sekunden.
Jetzt bin ich fast doppelt so alt und ich kann über diese Zeit lächeln. Interessanterweise hat mich eine Zeile aus diesem Lied aber nie losgelassen. An einer Stelle singt Dirk von Lowtzow: „Ich will alle meine Freunde sehen.“ Dieser Gedanke kommt mir immer wieder, wenn ich an meine Freunde denke. Denn alle meine Freunde zu sehen, gestaltet sich etwas schwierig. Ich rede jetzt nicht von irgendwelchen Bekanntschaften, sondern von echten, tiefen Freundschaften. Jungs- Freundschaften. Das Problem ist, dass die meisten meiner besten Freunde nicht in derselben Stadt leben wie ich. Einer lebt am Gardasee, der andere ist grad nach Kolumbien gezogen und wieder andere sind in Berlin. In den letzten zehn Jahren habe ich zu allem Überfluss noch an vier verschiedenen Orten gelebt. So ist der Wunsch, alle meine Freunde zu sehen, nicht mal eben so in die Tat umzusetzen. Alle mal eben nächsten Freitag auf einen Grillabend einzuladen, geht irgendwie nicht.
Trotzdem habe ich es geschafft, gute Freundschaften über große Distanzen und mit wenig Zeit für gemeinsame Treffen zu pflegen. Manchmal frage ich mich, woran das liegt. Ich habe schon einige Artikel über Fernbeziehungen gelesen. Komischerweise war noch nie einer über Fernbeziehungen bei Männerfreundschaften dabei. Also versuche ich mal an dieser Stelle mein Glück: Dinge, die mir halfen, meine Freunde zu behalten.
1. Eine gemeinsame Geschichte
Zu Beginn meines Studiums sagte mir ein älterer Kommilitone: „Wenn du dieses Studium schaffen willst, dann hast du keine Zeit mehr für deine Freunde in deiner Heimatstadt. Du brauchst die Zeit, um dich aufs Lernen zu konzentrieren.“ Diesen Gedanken fand ich schrecklich, denn er rüttelte an einem meiner Grundprinzipien: Ich wollte um keinen Preis der Welt meine Freunde aufgeben. Zum Glück habe ich diesem fleißigen Studenten nicht geglaubt. Ich wurde zwar keiner dieser Vier-Tage-Studenten, die schon donnerstags im Zug in die Heimat saßen. Trotzdem habe ich regelmäßig meine Kumpel besucht, weil ich sie sehen wollte. Mit ihnen hatte ich meine Jugend verbracht. Mit ihnen hatte ich die besten Geschichten erlebt, Partys gefeiert, eine Gemeinde-Stuhlreihe geteilt und mich ziemlich oft über Mädchen unterhalten. Mit ihnen hatte ich eine gemeinsame Geschichte. Deswegen lag für mich der Schluss nahe, mich weiter in diese Freundschaften zu investieren.
Das gelang mal besser und mal schlechter. Aber zu den meisten von damals habe ich immer noch ein intensives Verhältnis. Wir wissen, was uns zusammengeschweißt hat, haben Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse, die uns niemand mehr nehmen kann. Das hört sich vielleicht etwas pathetisch an, aber genau diese Geschichten sind es oft, die wir uns wieder und wieder erzählen und darüber heute noch Tränen lachen können. Ich denke aber auch an manchen Streit und an manche Träne. Mit einem meiner Kumpels hatte ich mal einen handfesten Streit nach einem Skiurlaub, weil wir uns beide ziemlich auf den Zeiger gingen. Dass wir uns vergeben und das Problem aus der Welt schaffen konnten, ist auch ein ganz wichtiger Teil unserer Geschichte.
2. Quality time
Die Internetseite www.wisegeek.com definiert „Quality time“ als Zeit, die „ausschließlich dem Aufbau der Beziehung zur Familie oder Freunden dient“. Leider musste ich feststellen, dass das Gerücht stimmt: Mit dem Einstieg ins Berufsleben nimmt die Freizeit doch merklich ab. Die Zeit mit Freunden muss ich mir deshalb gut einplanen und Freiräume schaffen, heißt: Zeiten im Kalender blocken und feste Termine für das nächste Treffen machen. Ich habe einen Freund, den ich meist nur einmal im Jahr sehe. Dazwischen schicken wir uns SMS-Nachrichten und skypen ab und an. Wir wissen beide, dass eine digitale Freundschaft eine analoge niemals ersetzen kann, deshalb brauchen wir Zeit für gute Gespräche. Und weil wir uns aus Sandkasten- Tagen kennen, müssen wir nicht immer wieder bei null anfangen: Wir können da anknüpfen, wo wir aufgehört haben.
Gemeinsame Hobbys helfen mir dabei. Mit einem Freund fahre ich gerne in die Berge und mit anderen kann ich stundenlang über die neuesten Bundesliga- Transfers plaudern. Das klingt erst mal oberflächlich, aber dabei bleibt es meist nicht. Einmal hatte ich mit einem Kollegen, der kein Christ ist, ein ziemlich intensives Gespräch über Gott in einem Whirlpool. Eine gute, gemeinsame Zeit gibt einer Beziehung Tiefe und Qualität.
3. Vertrauen
Was meine Freunde mir bedeuten, habe ich immer dann besonders gemerkt, wenn es mir schlecht ging. Es ist gut zu wissen, dass in all dem Chaos jemand da ist, der zuhört. Oder einfach da ist. Es ist ein großes Geschenk für mich zu wissen, dass es Leute in meinem Leben gibt, mit denen ich meine Sorgen teilen kann. Einen Beichtstuhl habe ich noch nie von innen gesehen. Aber bei meinen Freunden kann ich beichten und ihnen von den Dingen berichten, die meine Seele belasten. In jedem Fall darf ich so sein, wie ich bin. Aber wir teilen nicht nur die schweren Seiten des Lebens, sondern vor allem auch die schönen. Ich habe immer riesige Freude dabei, meine Kumpels ganz exklusiv über die großen Entwicklungslinien meines Lebens upzudaten. Als ich mit meiner Verlobten zusammenkam, hatte ich das dringende Bedürfnis, meine Freude mit jemandem zu teilen, der wusste, was mir dieser Moment bedeutete. Ich schrieb eine SMS an einen meiner Freunde – weil ich wusste, dass er und seine Frau mitgefiebert hatten.
Freunde machen das Leben lebenswert. Sie sind ein Geschenk. Aber echte Freundschaften gibt es nicht auf den rabattierten Sonderflächen im Supermarkt. Oft braucht es Zeit und Einsatz, um gute Freundschaften aufzubauen und zu pflegen. Aber es ist eine schöne Aufgabe. Denn wie jemand sehr treffend schon vor langer Zeit im Buch Prediger festgestellt hat: „Zwei sind allemal besser dran als einer allein. Wenn zwei zusammen arbeiten, bringen sie es eher zu etwas. Wenn zwei unterwegs sind und hinfallen, dann helfen sie einander wieder auf die Beine. Aber wer allein geht und hinfällt, ist übel dran, weil niemand ihm helfen kann“ (Prediger 4,9+10).
Ich will alle meine Freunde sehen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Und vielleicht habe ich gar nicht mal so schlechte Karten. Nächstes Jahr will ich heiraten – das wäre doch wirklich mal ein guter Anlass.






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