Es ist unbestritten eine der größten Geschichten, die die Bibel erzählt: Der verlorene Sohn kommt nach Hause – gedemütigt und gebrochen. Er erwartet Gerechtigkeit, macht sich berechtigte Hoffnung auf einen annähernd adäquaten Ausgleich für seine Schuld.



Auge-um- Auge, Zahn-um-Zahn – so wird er sich das überlegt haben. Für die Vergeudung seines Erbes will er das Sohnrecht aufgeben und als Tagelöhner arbeiten. Ein gerechter Deal, denken wir. Und wissen, dass alles anders kommt: Der Vater in dem Gleichnis will keine Gerechtigkeit. Er will seinen Sohn. Das ist ungerecht, aber lebensverändernd. Diese Erfahrung ließ einen Martin Luther die Reformation einer ganzen Kirche unter der Fahne „Sola gratia“ anzetteln und sie lässt bis heute „Pflaumen“ wie mich auf diversen Gemeindebühnen die Show „Nur die Gnade zählt“ moderieren.

Gnade ist ein überraschendes Ereignis. Mit ihr lässt sich nicht rechnen. Das gilt in guten Geschichten genauso wie im echten Leben. Aktuell warten allein in den US-Gefängnissen über 1.300 Menschen auf den Tod, der theoretisch jeden Tag eintreten kann. Viele der Todgeweihten stellen Gnadengesuche bei ihren Gouverneuren. Die wenigsten kommen durch. Arnold Schwarzenegger beispielsweise hat in seiner Funktion als Gouverneur von Kalifornien nicht ein einziges Gnadengesuch angenommen. 2005 lehnte er die Bitte von Stanley „Tookie“ Williams mit der Begründung ab, er habe trotz gründlicher Prüfung „keine Rechtfertigung“ für eine Begnadigung finden können. Was rechtfertigt eigentlich Gnade?

Mit Gerechtigkeit meinen wir uns besser auszukennen. Sie „schafft einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen beteiligten Personen oder Gruppen“, heißt es im Juristendeutsch. Schon unser Erstkontakt mit Gerechtigkeit – dem Urerlebnis der Vertreibung aus dem Paradies – verkam zum kollektiven Trauma. Vielleicht sind wir deshalb so sehr auf Ausgleich geeicht. Zur Erinnerung: In der ersten Geschichte des Lebens aßen wir von der verbotenen Frucht, dafür schmiss Gott uns raus. Auf die Aktion erfolgte eine Reaktion, die die Balance wiederherstellte. Wir lernten, was Gerechtigkeit ist.

Dieser Schock muss so groß gewesen sein, dass wir das erste gnädige Schneiderlein kurz danach gar nicht registrierten. Gott „machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an“ (1. Mose 3,21). Diese beiden Ereignisse, die Konsequenz und der Liebeserweis, sind aber auch schwer zu differenzieren. Das braucht Zeit. So wie das hebräische „häsäd“, die Gnade, die in 1. Mose 3,21 die Weltbühne betritt. „Häsäd“ bedeutet keine spontane, unmotivierte Freundlichkeit, sondern eine Verhaltensweise, die aus einem durch Rechte und Pflichten bestimmten Lebensverhältnis erwächst. Männer gegenüber ihren Ehefrauen, Eltern gegenüber ihren Kindern, die Regierung gegenüber ihren Bürgern. Von Gott aus gesehen ist 1. Mose 3,21 die Realisierung seiner Zusagen, die er den Menschen mit dem Bund gegeben hat, auch wenn der, aus unserer Sicht, erst ein paar Kapitel später zustande kam.

Vielleicht haben
Adam und Eva nach ihrer Verfehlung auch einfach nur Gunst erwartet, die der Überlegene immer einseitig dem Unterlegenen erweist. Auch dafür gibt es im Hebräischen einen Begriff: „chen“. Einer hat etwas und gibt es dem, der es nicht hat und ihn darum bittet. Und dann wurden Adam und Eva von der Konsequenz der Gerechtigkeit überrascht und so traumatisiert, dass sie gar nicht mehr fähig waren, auf Gnade zu hoffen und später nach ihr im Strafraum Ausschau zu halten, obwohl sich doch dort das Spiel ganz oft entscheidet.

Der verlorene Sohn konnte also gar nicht anders, als mit einem reuigen Angebot zurückzukehren und seine Schuld zu sühnen durch eine religiöse Leistung – also einer Handlung, mit der er sich selber wieder in das Beziehungsgeflecht einband (lateinisch: „re-ligare“), das er mit seiner Tat zerrissen hatte. Aber Gnade ist hier in Lukas 15, wenn der, dem wir etwas schulden, uns den Mund mit einem Kuss verschließt und wir unsere sorgfältig zurechtgelegte Verteidigungsrede wieder runterschlucken können.

Was für ein merkwürdiges, ausgeliefertes Gefühl: Nichts dazu beitragen zu können, dass sich eine Sache wieder einrenkt. Aushalten müssen, nicht auf sein Recht pochen zu können, sondern völlig ausgeliefert zu sein. Jeder, der mal fremdgegangen ist oder das Haus der Eltern abgebrannt hat, weiß, wie das ist. Wie ein reuiger Hund nach Hause zu kommen und damit rechnen zu müssen, rausgeworfen zu werden. Wie es ist, rechtlos in ein Gespräch zu gehen, ohne Chance auf Wiedergutmachung.

In dem Gleichnis vom verlorenen Sohn heißt es dann, dass sie alle anfingen, fröhlich zu sein. Und man wünscht es dem verlorenen Sohn ja auch, dass das angehalten hat. Es wäre aber auch folgendes Szenario denkbar. Dass er die Gnade erträgt und im Hinterkopf denkt: Na ja, das zahle ich dir trotzdem zurück, indem ich ab jetzt ganz besonders fromm und sorgfältig arbeiten werde. Wir laufen Gefahr, uns Gnade notfalls nachträglich verdienen zu wollen, frei nach dem Motto: Wir tun ja auch was dafür.

Manchmal wird ja die Reue und der Wunsch nach Wiedergutmachung als versteckte, aber doch notwendige Bezahlung für die Gnade angesehen. Aber weder die Ehebrecherin aus Johannes 8, noch der Gelähmte vom Dach aus Lukas 5 und auch nicht der Gelähmte am See aus Johannes 5 lassen in irgendeiner Art und Weise Reue erkennen – und Jesus fordert sie auch nicht von ihnen. Gott erweist ihnen seine Gnade einfach so durch die Vergebung ihrer Sünden und die Heilung ihrer Körper. Mehr Reue zeigt da der verlorene Sohn, der die eigene innere Leere wahrnimmt.

Definiert man Sünde als Getrenntsein von Gott als der Quelle des Lebens, dann kann man diese Selbstwahrnehmung als Sündenerkenntnis deuten, die in einem Gefühl der Unzufriedenheit, des Abscheus über seine Situation und des Schmerzes mündet. Das bezeichnet man gemeinhin als Reue. Quer durch die Bibel ist das Verhältnis zwischen Reue und Gnade allerdings vielschichtiger, weshalb man Reue kaum als notwendige Voraussetzung für die Gnade herauslesen kann. Meist ist die Reue eine Folge des Empfangs der Gnade, so wie man erst bei Tageslicht die Schmutzflecken auf einer Fensterscheibe als störend wahrnimmt und als nicht dorthin gehörig empfindet. Und das ist auch für viele Christen so skandalös, dass sie immer und immer wieder darüber stolpern (1. Kor 1,23 und drumherum).

Gnade ist hart, weil wir im Licht der Gnade erkennen, dass wir auf der Leistungsebene keine Chance hätten, eine ausbalancierte Gerechtigkeit wiederherzustellen. Indem Gott uns gnädig ist, sagt er zugleich: Du bist schuld. Aber ich trage die Strafe für dich und erwarte dafür nichts zurück. Und das sollte eigentlich nicht nur Befremdlichkeit, sondern je länger je mehr Freude in uns auslösen. Denn alle Wörter der griechischen Wurzel „char“ bezeichnen etwas, das Wohlbehagen erzeugt. Und Gnade heißt auf griechisch „charis“. Deswegen gehört das Feiern von Festen auch unmittelbar zur Gnade dazu, mehr als ein zerknittertes und zerknirschtes reuiges Wesen. „Chara“ heißt die Freude und „charis“ die Gnade. Wenn jetzt zu „charis“ noch die Silbe „ma“ dazukommt, eine Silbe, die „Wirkung“ bedeutet, dann haben wir das Wort „charisma“.

Es bedeutet „wohltuende Auswirkung der Gnade“. Deswegen kommt ein Charisma immer fröhlich, befreiend und völlig kostenlos daher, egal ob es sich dabei um Vergebung, Heilung oder die Anwendung einer der berühmt-berüchtigten Geistesgaben handelt. Charismen sind Auswirkungen oder Geschenke der Gnade, Gaben aus der Gnade des Gebers heraus. Deswegen kann man sich nicht für sie qualifizieren, weder vorher noch hinterher! Wenn es so wäre, wären es ja keine Geschenke mehr, sondern verdiente Belohnungen.

Darauf hatte übrigens der ältere Bruder gehofft, auf Belohnungen seines Wohlverhaltens und seiner frommen Leistungen. Er hatte die Gnade nicht mehr erkennen oder genießen können, weil er in ihr lebte, ohne sie immer wieder dankbar zu feiern. Dass wir jeden Morgen aufwachen und noch leben, dass unsere Körper mehr oder weniger funktionieren und die Sonne scheint, all das sind Gnadenerweise Gottes. Er erhält die Welt immer noch aus Liebe, damit sich möglichst viele Menschen ihm noch anvertrauen können.

Grundlegend ist unser ganzes Christenleben von Anfang bis Ende eine einzige Auswirkung der Gnade, weil unser Christsein allein in dem endgültigen und unverdienten Freispruch durch das Kreuz Jesu wurzelt. So wie es in Römer 5,2 heißt: „Christus hat uns durch den Glauben ein Leben aus Gottes Gnade geschenkt, in der wir uns befinden, und wir sehen voller Freude der Herrlichkeit Gottes entgegen.“ Damit uns aber die Gewöhnung dafür nicht den Blick verstellt, müssen wir immer wieder aus dem Alltagstrott heraustreten, anfangen, fröhlich zu sein und die Gnade feiern. Eigentlich sollten das unter anderem auch die Gottesdienste „leisten“, was sie leider weithin nicht tun.

Es gibt allerdings noch ein weiteres Problem mit der Gnade. Gnade gilt schlussendlich für alle. Nur: Wenn mich ein anderer verletzt, dann pfeife ich auf Gnade. Dann möchte ich Gerechtigkeit, ich will den Ausgleich. Ich möchte, dass der andere spürt, wie weh er mir getan hat, dass er denselben Schmerz, den er mir angetan hat, selbst auch erleiden muss. Aber die Gnade gilt auch für ihn. Und noch schlimmer ist es, wenn der andere mich verletzt und dann noch süffisant lächelnd „billige Gnade“ in Anspruch nimmt. Der Begriff stammt von Dietrich Bonhoeffer. Er unterschied zwischen billiger und teurer Gnade, weil die Gnade dazu führen kann, dass Menschen sie annehmen, ohne die Konsequenz der Nachfolge zu leben, und damit das Opfer Jesu auf die leichte Schulter nehmen. In seinen Augen eine ungeheure Beleidigung. So schreibt er in seinem Buch „Nachfolge“: „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche.

Unser Kampf heute geht um die teure Gnade Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird: Gnade ohne Preis, ohne Kosten.“ Bonhoeffers Unterscheidung mag zu seiner Zeit wichtig gewesen sein – und sie ist es bis heute. Kritisch muss man aber auch einwerfen, dass die Lehre von der teuren Gnade viele Fromme in unserer Leistungsgesellschaft auf den Weg des Pharisäismus gelockt und der Gnade entfremdet hat. Genau das wollte Bonhoeffer mit seiner Kritik nicht beabsichtigen.

Gnade ist der Erweis der Güte eines Mächtigeren, sie ist die Überwindung einer Machtdistanz zwischen Starken und Schwachen durch die Initiative des Stärkeren. Und sie ist frei von Selbstverständlichkeit. Wir können Gottes Gnade deshalb niemandem absprechen, und sei sie auch noch so billig. Gottes Hauptanliegen ist die Überwindung der Sündendistanz. Er will alle Menschen zu sich in sein Reich ziehen, auch wenn das bedeutet, dass der Folterknecht und sein Opfer im Himmel nebeneinander stehen, der eine vergeben und der andere geheilt. Auch wenn das aus meiner Perspektive heraus unvorstellbar klingt. Aber so ist es, weil Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, der Herr aller Herren und König aller Könige ist. Gnade ist das Wesen von allem, was vom Kreuz her kommt. Egal ob ich bewusst oder unbewusst sündige, die Gnade gilt immer und überall. Und ich finde, das ist manchmal gar nicht leicht zu ertragen, weder für jüngere Aussteigersöhne, noch für ältere, treu dienende Söhne. Gnade bewirkt, dass wir als Gottes Kinder allezeit bei ihm sind und dass alles, was ihm ist, auch uns gehört. Also lasst uns fröhlich und guten Mutes sein!
 
Mickey Wiese ist Diplom-Theologe und psychologischer Berater und lebt in Frankfurt/Main.