Ich hasse Eis. Es gibt zweifelsohne leckere Formen, aber als geschlossene Fläche kann ich ihm nichts abgewinnen.



Noch mehr hasse ich Schlittschuhe und Eissporthallen, weil sie mich daran erinnern, was ich nicht kann: auf Schlittschuhen halbwegs entspannt aussehen. Mich machen diese Teile total unsicher – und das nicht nur physisch, auch psychisch. Sobald ich mich auf Kufen stelle, leide ich unter erhöhter Selbstbeobachtung. Kannste nicht, sagt mir jeder Teil meines Körpers. Der Gleichgewichtssinn, die Augen, selbst die Knie wissen das inzwischen. Will ich mir das wirklich noch mal antun, Schlittschuhlaufen zu lernen?


Worauf ich hinaus will: Womit wir uns wohlfühlen und wo der Spaß aufhört, variiert von Mensch zu Mensch. Die Situationen, mit denen wir uns sicher fühlen, nennt die Psychologie „Komfortzone“. Obwohl der Begriff nichts Negatives beschreibt, ist er im allgemeinen Sprachgebrauch mächtig in Verruf geraten. Als Zufluchtsort für Feiglinge, Sesselpupser, Verwöhnte. Eigentlich hat sein Erfinder, der Personalentwickler Tom Senninger mit seinem Lern-Zonen-Modell (siehe Grafik, Seite 24) etwas anderes beschreiben wollen: unter welchen Umständen wir uns weiterentwickeln, unser Potenzial ausschöpfen. Senninger interessiert sich vor allem für die Schnittstelle zwischen Komfortzone – also einem Zustand, in dem uns die Herausforderungen vertraut sind und machbar erscheinen, und der Lernzone, in der wir unvertrautes Terrain betreten. Entscheidend ist der Impuls, der für Wachstum sorgt: Der Schritt raus aus der Komfortzone. Je häufiger wir uns in die Lernzone hinauswagen, umso größer wird die Komfortzone.


Mit anderen Worten: Unsere Komfortzone wächst mit den Herausforderungen. Kein Wunder also, wenn sich unsere Komfortzonen unterscheiden – in Größe, Inhalt und dem inneren Erleben, wenn wir sie verlassen. Im Kern geht es dabei um Sicherheit. Und zwar nicht objektive, sondern wahrgenommene. Es gibt Menschen, die seilen sich von Autobahnbrücken ab, über die andere nicht mal drüber gehen würden. Wie kommt es, dass wir Situationen so unterschiedlich beurteilen?


Zu den wichtigsten Faktoren, die uns das Gefühl von Sicherheit vermitteln, gehört unser Erfahrungsschatz. Aus Erfahrung wissen wir Situationen einzuschätzen und haben Lösungen parat. Entscheidungssituationen, die wir schon einmal in ähnlicher Form haben lösen müssen, fallen uns leichter als Entscheidungen, die wir nur einmal im Leben treffen. Wir können das Risiko besser bewerten, uns den schlimmsten anzunehmenden Fall ausmalen, wissen, wie Menschen auf uns reagieren werden.


Menschen mit guten Erfahrungen sind optimistischer, was neue Herausforderungen angeht als Menschen mit schlechten Erfahrungen. Denn aus Erfahrung erwächst auch Selbstvertrauen. Vertrauen in die eigenen Stärken, in das, was ich kann und in das, was ich brauche, um mir Neues anzueignen. Wir haben alle die Erfahrung gemacht, dass wir uns mit etwas Mühe Gitarre spielen beibringen, Gedichte auswendig lernen oder einen mehr oder weniger guten Nikolaus für unsere dreijährigen Neffen abgeben können. Wir verfügen über ein Grundmaß an sozialen, sprachlichen und motorischen Fertigkeiten, um uns auf Unbekanntes einzulassen. Grundsätzlich ist der Mensch ein lernendes Wesen: Wir wissen, dass wir uns entwickeln können.


Unabhängig davon, wie großzügig meine Komfortzone dimensioniert ist – der Schritt in die Lernzone ist unweigerlich mit Angst und Schweiß verbunden. Feuchte Hände und pochende Schläfen sind die Vorboten des Lerneffekts. Ohne Adrenalin wären wir dem Neuen gegenüber nicht wach genug. Unsere Körper besorgen sich so in kürzester Zeit die Energiereserven, die sie brauchen, um kurzfristig ihre Leistung abrufen zu können. Insofern lässt sich diese erhöhte Wachsamkeit tatsächlich nutzen, um Ausnahmesituationen zu bestehen. Dauerhaft lässt sich damit allerdings nur gestresst leben, weshalb die Lernzone nur ein Ausflug auf Zeit sein kann.


Denn es gibt auch noch die Panikzone. Und in der lernt man gar nichts mehr. Wer mit Höhenangst kämpft, leidet sinnfrei, wenn er in jeder Schwimmstunde auf das Dreimeterbrett gejagt wird. Introvertierte Persönlichkeiten vor größere Gruppen zu zwingen, um mal spontan was zu diesem oder jenem zu sagen, führt ebenfalls in die Panikzone. Charakterunterschiede fordern unseren Respekt. Denn wer zu häufig aus der Komfortzone direkt in die Panikzone gezerrt wird, verliert den Mut, sich beim nächsten Mal in die Lernzone zu begeben. Wachstum ist gut. Panik hingegen unproduktiv. Es steht uns nicht zu, darüber zuurteilen, wann das erträgliche Maß an neuen Herausforderungen erreicht ist. Da hat jeder seine eigene Grenze, über die er weder will noch kann. Angst ist eine Überlebensstrategie.


Und dennoch begegnet mir immer wieder ein Effekt, der mich lehrt, neugierig zu bleiben. Ich erinnere mich lieber an die Dinge, an denen ich tapfer gescheitert bin, als an solche, die ich nie versucht habe. Ich kann mich noch gut erinnern, wie blauäugig ich vor zwölf Jahren mit meiner damals noch mies eingespielten Band auf die Bühne der örtlichen Bahnhofskneipe gestiegen bin. Wir hatten den kompletten Freundeskreis zusammengetrommelt, gekommen waren hundertzwanzig Zuschauer, sieben Mark Eintritt. Verrückt. Der Barkeeper hatte uns vorher noch einen Whiskey eigetrichtert, muss wohl so ausgesehen haben, als bräuchten wir das Zeug. Und dann haben wir die Bude „abgebrannt“.


Wir haben nicht gut geklungen. Aber daran erinnert sich niemand. Im Nachhinein verblassen die weniger wichtigen Details. Aber wir haben es getan. Manche Geschichten machen uns zu Helden, andere zeigen uns unsere Grenzen auf. An jenem legendären Abend habe ich mein Gebiet erweitert. Frei nach Jesaja 54,2: „Mach den Raum deines Zeltes weit, spann deine Zelttücher aus, ohne zu sparen. Mach die Stricke lang und die Pflöcke fest!“ In diesem Jahr feiert die Band ihr Zwölfjähriges. Gut, dass wir es damals versucht haben.


Denn am wehmütigsten schauen wir auf Chancen zurück, die wir ungenutzt gelassen haben. Auf die Liebe unseres Lebens, die wir mit fünfzehn in der VHS-Disko nicht angesprochen haben. Auf die Ballonfahrt, die „ihr ruhig ohne mich machen könnt“. Auf den Klavierunterricht, den man nicht genommen hat, weil man sich mit Anfang zwanzig schon zu alt fühlte, um noch mal von null anzufangen. An manchen Tagen wünscht man sich später, man hätte seine Komfortzone damals vergrößert.


Zeigen wir der Angst, dass sie uns nicht im Griff hat. Der Scham, dass Peinlichkeiten nicht wehtun. Unserem Perfektionismus, dass „ganz gut“ gut genug ist. Willkommen in der Lernzone des Lebens. <<


Pascal Görtz ist leitender Redakteur von dran und missionaler Gemeindegründer.



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