Ein Gerichtsgebäude ist nicht unbedingt der Ort, an dem ich freiwillig meine Freizeit verbringe. Und doch stehe ich heute vor dem lokalen Amtsgericht. Obwohl mir keine Anklage im Nacken sitzt, sind meine Hände ein bisschen feucht. Mein Mann steckt gerade in seinem Referendariat und klagt als Junior-Staatsanwalt Leute an – nicht wegen Mordes oder so, eher wegen kleinerer Betrügereien oder nicht bezahlter Strafzettel. Nachdem ich seine Nase jahrelang mit dicken Gesetzestexten teilen musste, will ich ihn heute in Action sehen. Am Eingang werde ich gründlich kontrolliert, muss mein Handy einschließen und meine Tasche durch ein Röntgengerät schicken. Die nuscheligen Anweisungen des Sicherheitsbeamten in seinem Glaskasten dringen zu mir, wie die Boardansagen eines Piloten, der sein Mikro verschluckt hat. Ich muss ihm zwei Mal durch Händeringen bedeuten, dass ich nicht verstanden habe, was er von mir braucht, bis er seinen Kopf raustreckt und mich betont deutlich fragt, warum ich hier bin. Als hätte ich jetzt das Mikro im Mund, krächze ich den Satz, den mir mein Mann Zuhause vorgekaut hat: „Ich bin die Öffentlichkeit.“
Die Öffentlichkeit
Ich wusste bisher nicht, dass es sowas wie öffentliche Verhandlungen gibt, damit jeder Hinz und Kunz Barbara Salesch live erleben kann. Es soll für mehr Transparenz und Vertrauen in die Justiz sorgen. Ich fühle mich doch ein bisschen schäbig, als sich der Angeklagte mit gesenktem Kopf in den Sitzungssaal schleppt und feststellt, dass mit mir und drei Praktikantinnen ein Publikum seiner Verurteilung beiwohnt. Schnell weicht das schlechte Gewissen der Aufregung, als mein Mann in Robe und weißer Krawatte bedeutungsschwer aufsteht und die Anklageschrift vorliest. Ich kann ihn eine ganze Weile lang ernst nehmen, bevor ich dran denken muss, wie er am Wochenende in Unterhose auf der Couch gammelt. Der Angeklagte soll Autoteile auf Kleinanzeigen verkauft, aber nie verschickt haben. Drei Zeugen sind erschienen und erzählen empört von ihrem Betrugsfall. „Unangeneeehm!“, singt meine innere Stimme. Irgendwie tut er mir leid, er wirkt reuig und auf seine Entschuldigung legt keiner der Geschädigten wert. Doch je mehr Fragen der Richter stellt, desto mehr verstrickt er sich in seinen widersprüchlichen Aussagen. Am Ende bekommt er den Mindestsatz einer Geldstrafe, da er aktuell arbeitslos ist und wird verpfl ichtet, die Zeugen zu entschädigen. Nach der Verhandlung zwinkere ich meinem Mann zu, als wären wir Komplizen in einem Agentenfilm und beeile mich auf dem Weg nach draußen dem Sicherheitsbeamten nicht nochmal den gleichen Aufwand zu bescheren. Ich finde, ich habe mich als Öffentlichkeit ganz gut gemacht und bin noch Tage lang fasziniert davon, einen Einblick in die Welt des Öff entlichen Rechts bekommen zu haben.