„Geld regiert die Welt“: Wie das alte Sprichwort besagt, kann Geld etwas erfolgreich werden lassen. In unserer Welt besitzt es sogar Macht. Eine Macht, die wir, die das Geld haben, besitzen. Wir entscheiden uns für die unverpackte Gurke, weil wir gegen Verpackungsmüll protestieren wollen und spenden für die Hilfsorganisation, von der wir wissen, dass unser Geld auch wirklich an die Menschen vor Ort weitergegeben wird und nicht in teure Marketingaktionen fließt.
Autsch
Deswegen versetzt es mir auch einen Stich, als ich realisiere, dass Klara, die mich soeben hilflos in der Fußgängerzone um Geld gebeten hat, wohl doch eine Betrügerin ist. Am liebsten würde ich ihr hinterherlaufen und mein Geld zurückverlangen oder ihr zumindest eine Tafel mit der Aufschrift „Vorsicht, Betrügerin!“ umhängen. Doch ich ahne, dass bei so einer Aktion vor allem ich selbst nicht so gut dastehen würde. Also höre ich in mich hinein: Was genau ist da in mir angekratzt worden? Mein Glaube an die Menschheit, weil meine Hilfsbereitschaft ausgenutzt wurde? Mein Stolz, weil ich so doof war, auf diese Masche reinzufallen? Mein innerer Schwabe, der dann doch lieber Geld spart, als es irgendwelchen Bettelbanden in den Rachen zu schmeißen? Vermutlich von allem ein bisschen.
Gottes Geschenk
In den letzten Jahren habe ich erkannt, dass wir Menschen uns viel zu sehr an Besitz und Macht festklammern. Egal, ob es um eine Leitungsposition geht, die von einer anderen begabteren Person übernommen werden könnte. Das neue Trendgerät, das wir unbedingt haben wollten, aber dann doch nie benutzen. Oder das liebgewonnene Auto, für das wir schon beinahe eine Beerdigung arrangieren wollen, weil er uns so lange begleitet hat. Eigentlich weiß ich, dass alles, was ich habe, ein Geschenk von Gott ist. Ich darf es verwalten, es nutzen, gut damit umgehen – aber gehören tut es ihm. Und wenn Gott möchte, dass ich etwas weitergebe, will ich es tun. Denn ich weiß, daraus wird etwas Gutes entstehen.
Zu Gottes Ehre
Also erinnere ich mich in der Fußgängerzone daran, dass ich nicht Klara das Geld gegeben habe, sondern Gott. Und im Endeffekt ist sie mir dann keine Rechenschaft schuldig, sondern ihm. Immer wieder versuche ich diese Freimütigkeit, mich von etwas zu trennen, mit Leben zu füllen. Zum Beispiel, wenn ich Kleidung weitergebe. Ja, ich könnte dafür noch etwas verlangen, aber immer wieder sage ich mir: Wenn Menschen durch meine Großzügigkeit ein Stück von Gottes Charakter erleben, ist das mehr wert, als Geld je aufwiegen könnte. Und wenn mehr Menschen so eine Großzügigkeit erleben und weitergeben würden, verändert das unsere Gesellschaft. Davon bin ich überzeugt.
Heißt das, ich darf nicht mehr traurig sein, wenn mein Lieblingspulli ein Loch hat und dass ich meinen teuren Schlafsack jedem ausleihen muss? Nein, denn für mich geht es darum hinzuhören, wo Gott mich mit meinen (materiellen) Gaben gebrauchen möchte, um anderen zu dienen, und wo mir Gott meinen Lieblingssessel auch einfach mal gönnt.