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Pilgern im Alltag

Zehntausend Schritte und ein bisschen Gott
Pilgern ohne Jakobsweg – geht das überhaupt? Unsere Autorin wollte raus aus dem Alltagstrott und Gott wieder näherkommen.

Wandern ist nicht so mein Ding. Wenn ich gehe, dann weil ich wohin will oder um Kalorien zu verbrennen. Nicht, weil der Weg das Ziel ist, und nicht, weil die Aussicht sich lohnt. Über das Pilgern weiß ich daher genauso viel wie über Kernphysik, und der Jakobsweg stand nie auf meiner Bucketlist. Und trotzdem gebe ich in diesem Moment „Pilgern im Alltag“ in die Suchleiste des App Stores ein – unschlüssig, ob ich finden werde, was ich für meinen Selbstversuch brauche.

 

Fastenzeit, aber anders

Ich will die nächsten Wochen nutzen, um Gott nähergekommen. Denn um ehrlich zu sein, hat erin meinem Alltag ganz schön viel Land verloren. Ich bete, wenn ich gerade mal dran denke – und an Gott denke ich meistens, wenn ich etwas brauche. Ich wünsche mir Raum – für Gedanken, für Reflexion, für Gottes Reden. Und denke an meinen Jahresvorsatz: mehr Bewegung. Als Corporate Marketing Girlie mit Laptop-Rücken und Kalender-Karussell bleibt der eher symbolisch. Zehntausend Schritte am Tag? Wenn’s gut läuft, nehme ich die Treppe, statt den Aufzug, gehe zwei Mal Kaffee machen, tröste den vernachlässigten Drucker mit einem Kopiervorgang und ziehe mir aus dem Automaten ein Spaßgetränk. Damit knacke ich selten die 2.000er-Marke.

 

Pilgern, aber alltagstauglich

Warum also nicht beides verbinden: Schritte sammeln und das Leben reflektieren. Schritte sammeln und vielleicht Gott begegnen. Weil ich glaube, dass ich an einer Schnellstraße gedanklich eher To-dos abarbeite als in spirituelle Sphären abdrifte, wünsche ich mir mehrere kleine Ziele – einen schönen Weg, aber alltagstauglich. So wie beim Pilgern, nur eben ohne Rucksack und Blasenpflaster.

 

Zwischen Bibelversen und Burnout

Die Suche im App Store ernüchtert. Zwischen Bibelvers-Widgets, Pilger-Tracking und Gamification-Glaubensapps für Konfirmand*innen ist wenig dabei, das mich wirklich anspricht. Einige der Anwendungen wirken wie digitale Pilgerreisen mit christlichem Kalenderspruch-Flair, andere sind so ambitioniert, dass ich schon beim Lesen der Beschreibung spüre: Das wird nichts.

Ich lade mir trotzdem drei runter. Vielleicht ja wenigstens eine, die mich nicht gleich mit einem Push-Reminder zum Beten zwingt. Spoiler: Ich finde keine perfekte App. Was ich aber finde, ist ein Spaziergangformat mit Impulsfragen, das mich auf Ideen bringt. Nicht unbedingt theologisch tiefgründig, aber ehrlich gesagt bin ich das ja auch nicht gerade. Ich nehme ein kleines Notizbuch mit, das ich sonst nie benutze, und stelle mir selbst eine Route zusammen. Keine Pilgerreise, aber ein Anfang.

 

Ich zieh’s nicht durch

An Tag eins bin ich motiviert. Ich nehme mir vor, jeden Morgen vor der Arbeit rauszugehen. Frische Luft, Bewegung, ein bisschen Gott, wenn er will. An Tag drei regnet es. An Tag fünf ist mein Kalender voll. Und irgendwann verliere ich den Faden. Na toll – mal wieder mehr geplant als gelebt.

Aber trotzdem passiert etwas. Nicht viel, aber genug, um es zu merken. Ich gehe öfter ohne Handy spazieren. Ich denke über Dinge nach, die ich sonst wegscrollen würde. Ich schreibe ein paar Fragen auf, die ich nicht beantworten kann – und finde ein paar Antworten auf Dinge, die ich nie gefragt habe. Ich höre Gott nicht so deutlich, wie ich gern hätte – ich meine, er spricht nicht aus einem spontan entzündeten Dornbusch am Wegesrand zu mir. Aber ich frage mich, wann ich eigentlich das letzte Mal zugehört habe.

 

Was bleibt, wenn man nicht ankommt?

Ich habe das Experiment nicht „durchgezogen“. Keine tägliche Routine, kein himmlischer Glow-up, kein spirituelles Comeback. Aber ich habe angefangen, mich zu fragen, wo in meinem Alltag eigentlich Platz ist für Stille, für mehr als To-dos und Deadlines. Und das ist vielleicht schon genug für den Moment. Vielleicht braucht Pilgern im Alltag keine App und vielleicht ist es extra kein echtes Pilgern, weil ich mal nicht perfekt vorbereitet sein muss. Vielleicht geht’s eher darum, sich Raum zu schaffen, in dem man mal nicht abgelenkt ist und Effektivität nicht das Ziel. Raum, in dem Fragen bleiben dürfen, ohne gleich eine Antwort zu fordern.

Und wenn ich beim nächsten Spaziergang wieder ans Notizbuch denke – oder einfach mal nicht nebenbei einen Podcast anmache – dann wächst da vielleicht was. Kein Ziel erreicht, aber in Bewegung gekommen. Und manchmal ist das schon spirituell genug.

Text: Ann-Sophie Bartolomäus
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