Es gibt viele verschiedene Bezeichnungen für diese ganze Sache mit Jesus. Zum Beispiel reden wir vom „Christsein“. Dieser Ausdruck kommt übrigens gar nicht so oft im Neuen Testament vor, wie man denken könnte, nämlich nur drei Mal. Außerdem gibt es „Nachfolgen“, was deutlich öfter benutzt wird. Sogar Jesus selbst verwendet diesen Begriff. Wer es sich ganz leicht machen will, redet vom „Glauben“. Weil wir uns das Leben aber gerne schwer machen, haben wir das Ganze wieder abstrahiert. Wir haben rund um den Begriff des Glaubens eine Floskel, eine Hülse gebaut, die jeder und jede kennt und doch niemand so richtig versteht – „Im Glauben wachsen“.
Zweiklassengesellschaft?
Christ oder Christin kann ich nur sein oder nicht sein. Auch Nachfolgen kann ich nicht nur ein bisschen – entweder laufe ich Jesus hinterher oder halt nicht. Beides lässt sich schlecht steigern. Aber im Glauben soll ich wachsen können? Was bedeutet das? Geht das überhaupt? Lohnt es sich, im Glauben zu wachsen? Diese Hülse trennt – ob wir das wollen oder nicht – Christen immer in Gruppen und schafft eine Zweiklassengesellschaft. Profichristen hier, der Rest da drüben. Wenn ich im Glauben wachsen kann, dann impliziert das außerdem, dass es immer Wachstumspotenzial gibt und ich nie gut genug bin, um „fertig“ zu sein. Da kommen dann schnell die Fragen auf. Muss ich im Glauben wachsen? Darf ich? Sollte ich? Wenn ich aber im Glauben wachse, wie auch immer das messbar ist, wird das belohnt? Wenn ich das nicht tue, wird das getadelt? Und vor allem: Warum sollte ich überhaupt im Glauben wachsen wollen? Jesus liebt mich doch so oder so. Er liebt mich sogar, wenn ich nicht glaube.
Ja und Nein
Also, fangen wir mal ganz vorne an. Kann man überhaupt im Glauben wachsen – also eine Form von Steigerung erleben? Ja und Nein.
Ja, weil ich Erfahrungen sammle wie in jedem anderen Bereich in meinem Leben auch. Ich werde weiser und besser darin, Lebensentscheidungen zu treffen, die mit meinem Glauben übereinstimmen.
Nein, weil Glaube immer etwas Anfängliches hat. Was heißt das? Am Anfang des Glaubens steht, einfach gesagt, die Erkenntnis: Ich brauche Gott in meinem Leben. Und ich höre nie auf, Gott zu brauchen. Glaube ist und bleibt immer das Angewiesensein auf Gott.
Unsicherheit aushalten
Wenn Petrus den ersten Schritt aufs Wasser macht, kann er sich nicht selbst helfen. Selbst er, ein Jünger, der Jesus schon lange folgt, kann nicht aus eigener Kraft auf dem Wasser gehen. Er ist auf Jesus angewiesen.
„Im Glauben wachsen“ hat in meiner Welt oft bedeutet, ethisch tadelloser zu werden und in Glaubensfragen eine größere Sicherheit zu erlangen. Glaube ist aber das genaue Gegenteil. Glaube bedeutet, in meiner inneren Unsicherheit sicher zu wissen, wo ich hingehe und auf wen ich angewiesen bin – Gott. Auch am letzten Tag meines Lebens gehört zu meinem Glauben eine Unsicherheit.
Aber wenn im Glauben zu wachsen heißt, dass nicht ich besser werde, sondern mein Vertrauen in Gott wächst, dann lasst uns im Glauben wachsen.
Jannik Müller ist Jugendpastor in der FeG München-Südost und macht gerne Hülsen kaputt.