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Trauma und Bibel

Traumasensibel die Bibel lesen
Die Bibel ist voller verwundeter Menschen, mit denen Gott seinen Weg gegangen ist. Es gilt, diese Verwundungen der Menschen wahrzunehmen und auszuhalten.

Was ist ein Trauma? Wir haben zahlreiche Mechanismen, die uns von Verletzungen heilen. Dies gilt für den Körper mit seiner Fähigkeit zur Wundheilung und auch für unser Fühlen und Denken. Aber was geschieht, wenn die Wunden zu groß sind, es zu viele werden in einer zu kurzen Zeit? Dann setzen Überlebensprogramme ein, die zwar das kurzfristige Überleben sichern, langfristig aber ein Ausheilen der Wunden verhindern. Für eine innere Verarbeitung blieb Betroffenen oft keine Zeit oder der Druck ist zu hoch. Sie können ihre Traumata nicht in eine zusammenhängende Geschichte einordnen und diese als Vergangenheit ablegen. Traumasensibel zu sein bedeutet, Verwundungen unserer Mitmenschen, der Gesellschaft und von Völkern bewusst wahrzunehmen und in unser Denken und Handeln einzubeziehen, und zwar individuell und politisch – und selbstverständlich auch kirchlich. Traumasensible Bibellektüre heißt in erster Linie, dass traumatisierte Menschen in der Bibel ernst genommen werden und die Bibeltexte in Verantwortung von traumatisierten Menschen heute ausgelegt werden.

Trauma und Bibelauslegung

Viele biblische Bücher sind sehr sensitiv gegenüber dem Leid der Menschen. Oft wird es mit wenigen Worten geschildert, aber doch so, dass die Leserinnen und Leser einen klaren Rahmen haben, um sich die Schwere der Verwundungen selbst auszumalen. Doch manchmal sind unsere Augen gehalten. Wir lesen die Bibel nicht in einer barmherzigen Haltung, sondern verurteilen schnell. So wird in der wissenschaftlichen Literatur dem Gelähmten am Teich von Bethesda (Johannes 5,1-16) vorgeworfen, dass er faul war. 38 Jahre gelähmt an diesem Teich? Da kann doch etwas nicht stimmen. Und warum bittet er Jesus nicht von sich aus um Hilfe? Aber dass allein schon diese 38 Jahre in diesem Elend und in dieser Konkurrenzsituation traumatisierend waren, wird uns nicht klar. Jesus hingegen fragt zuerst nach ihm und dann fragt er ihn selbst: „Willst du gesund werden?“ (Johannes 5,6). Jesus fragt nicht richtend, sondern mitfühlend. Er nimmt seine Situation und sein Willen wahr und geht auf ihn ein. Traumatisierung ist auch ein Schlüssel, um die Emmausjünger zu verstehen. Weshalb sind sie aus Jerusalem geflohen, als Jesus gestorben war (Lukas 24,13-32)? Sie waren zutiefst traumatisiert durch den schrecklichen Tod ihres Lehrers, Vorbilds und Messias. Die Kunde am Ostermorgen, das andere Jesus gesehen haben wollen, verstört sie vollends. Eigentlich wäre das doch eine gute Nachricht. Aber kann das wahr sein? Sie können die Enttäuschung nicht mehr ertragen. Sie fliehen vor dieser Situation, die sie total überfordert. Ihr Gespräch ist erstarrt, es dreht sich nur noch im Kreis und es hilft nichts mehr. Jesus begegnet ihnen als Traumatherapeut. Er schenkt ihnen unaufdringlich Gemeinschaft, hält sie nicht von ihrem Weg ab, sondern wird zu ihrem Wegbegleiter. Er spricht behutsam mit ihnen und hilft ihnen, mit der Bibel das Vergangene in Worte zu fassen. So können sie es in eine ganze Geschichte einordnen, so dass es seinen unaussprechlichen Schrecken verliert. Er schenkt ihnen sein Zuhören, seine Aufmerksamkeit, seine Präsenz und seine Gemeinschaft am Tisch. Am Ende verlässt er sie wieder und traut ihnen zu, dass sie allein zurechtkommen.

Jesus, der Wundenträger

Im Zentrum des Neuen Testaments und des christlichen Glaubens steht ein Mann, dessen Kopf durch Dornen blutig verwundet, dessen Körper mit blutigen Striemen gequält und der durch eingeschlagene Nägel verwundet worden ist und am Kreuz dem Spott, dem tödlichen Kreislaufkollaps und der Erstickung preisgegeben worden ist. Traumasensibel die Bibel zu lesen, bedeutet, nicht von dem Leiden von Jesus zu fliehen. Welche Religion gibt es noch, in deren Zentrum solch ein Leiden steht? Allerdings besteht die Versuchung, Jesus in einer heldenhaften Perspektive zu betrachten. In dieser Anschauung hat er heroisch das Kreuz ertragen und damit für sich und die Menschheit den Sieg davongetragen. Und tatsächlich gibt es im Johannesevangelium solch eine Sinnlinie. Doch die anderen drei Evangelien zeichnen ein anderes Bild, allen voran das Markusevangelium: Hier erleidet Jesus ein schreckliches körperliches Leiden. Er trägt blutige Wunden, die Menschen ihm in ihrer Bosheit geschlagen haben. Jesus wurde öffentlich extrem gedemütigt und zur Schau gestellt, nackt aller Kleider beraubt am Kreuz. Diese Traumatisierungen ließen dann eine innere Wunde aufbrechen, die vielleicht noch schrecklicher war als alle körperlichen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In der letzten Verzweiflung der Gottverlassenheit konnte Jesus sich nur noch an den wenden, der diesen Kelch nicht an ihm vorübergehen ließ und der offensichtlich wollte, dass er ihn austrinke – an Gott, der ihn doch verlassen hat. Die Soldaten, die Jesus so zurichteten, waren nicht nur einzelne Bösewichte, sondern sie waren eingebunden in ein Herrschaftssystem, das fast ganz Europa, Nordafrika, und den vorderen Orient beherrschte und das alle infizierte. Einem ganzen System wehrlos ausgeliefert zu sein, das erleben Leidende heute mehr denn je. Opfer schwerer sexueller Gewalt haben erfahren, dass es nicht nur einzelne Täter gibt, sondern ein ganzes System von Mittätern, Mitwissern, Mitschweigern, Tarnern, Hilfeverweigerern. Oft in der eigenen Familie, oft auch in der Kirche, manche davon sogar wohlmeinend. Nicht selten waren in den Zeiten ihrer schwersten Traumatisierungen die Täter die einzigen Bezugspersonen, an die die Opfer sich wenden konnten. Jesus bleibt in seiner Verlassenheit nichts anderes übrig, als sich an den Gott zu wenden, der ihn doch verlassen und preisgegeben hat. Traumasensibel die Bibel zu lesen bedeutet, unsere frommen Verstehensmuster vom Leiden in der Bibel zu ent-heroisieren und die Gewalt in den Texten wahrzunehmen. Sie gilt es auszuhalten und in unsere Theologie zu integrieren.

Paulus traumasensibel lesen

Die erfolgreichen Verbreiter dieses Glaubens waren ebenfalls mit vielfachem Leiden konfrontiert. An der Spitze von ihnen steht in der Bibel Paulus, der sich seines Leidens wegen Christus rühmt, weil er dadurch Christus gleich geworden ist. Sein Körper ist gezeichnet von Entbehrungen und Striemen. Die folgenden Zeilen stammen von ihm, einem durch das Leben und vor allem durch Menschen schwer verwundeter Mensch:

„Ich habe härter gearbeitet, wurde öfter ins Gefängnis geworfen, mehr geschlagen und war immer wieder in Lebensgefahr. Fünfmal haben die Juden mir neununddreißig Hiebe verabreicht. Dreimal wurde ich ausgepeitscht. Einmal wurde ich gesteinigt. Ich habe drei Schiffbrüche überlebt. Einmal verbrachte ich eine ganze Nacht und einen Tag auf dem Meer treibend. Ich habe viele beschwerliche Reisen unternommen und war unzählige Male in großer Gefahr: ob durch Flüsse oder durch Räuber, ob durch mein eigenes jüdisches Volk oder durch Nichtjuden, ob in Städten, in der Einöde oder auf stürmischer See oder durch Leute, die sich als Anhänger von Christus ausgaben, es aber nicht waren. Ich habe Erschöpfung und Schmerzen und schlaflose Nächte kennengelernt. Oft litt ich Hunger und Durst und habe gefastet. Oft habe ich vor Kälte gezittert und hatte nichts, um mich warm zu halten. Und als wäre das alles noch nicht genug, lebe ich dazu noch täglich in Sorge um das Wohlergehen der Gemeinden.“ (2. Korinther 11,23-28).

Was verändert sich, wenn wir einen solchen Text traumasensibel lesen? Die heroische Lesart tritt in den Hintergrund. Diese lautet kurz: Das alles hat Paulus erlitten und ohne mit den Wimpern zu zucken für den Glauben weggesteckt. Er ist ein unverletzbarer Held. Davon aber steht nichts im Text. Sein Körper war voller Narben. Seine Seele ist tief verwundet gewesen. Er hat immer wieder viel Schwachheit erlebt. Wissen wir, ob er immer freiwillig gewacht hat, um zu beten? Oder litt er vielleicht vielmehr unter Durchschlafstörungen ob all dem Schlimmen, was ihm angetan worden ist, und dann hat er diese Zeit zum Beten genutzt? Paulus entwickelt mehrere Strategien zum Umgang mit dem Leiden und zur dessen Verarbeitung. Der Schlüssel liegt im Blick auf Christus. Dieser ist auch für diejenigen Menschen gestorben, die durch Täter zu Opfern geworden sind. Leiden und Tod von Jesus zeichnen sich in ihr Leiden und Tod ein – und ihr Leiden und Tod zeichnet sich in sein Leiden und Tod ein. Als Troststrategie ermutigt Paulus seine Mitglaubenden, ihr Leiden in das Leiden von Christus einzuschreiben und am Weg von Christus durch das Leiden hindurch teilzunehmen, um so auch an seiner vollen Heilsfülle teilzuhaben. Die Ausrichtung auf Christus und die daraus folgende Gesinnung kann Leiden verändern. Es wird zu einem Leiden um der Liebe willen, zu einem Leiden der Selbsthingabe. Dann wird Leiden zum Zeichen der Nachahmung des gekreuzigten Christus. Leiden enthält dann ein Samenkorn, eine Verheißung auf zukünftige Heilung und zukünftiges Heil zusammen mit dem Auferstandenen.

Die bleibenden Wunden des Auferstandenen

Gehen wir zurück zu Jesus in den Evangelien. Er bleibt nicht in der tödlichen Verwundung. Durch die Auferweckung triumphieren Gott und sein Sohn über alle Traumatisierungen, über alle Verwundungen. In allen Evangelien wird allerdings das abgründige Leiden nicht ungeschehen gemacht und wird auch nicht in Vergessenheit gebracht. Der Evangelist Johannes thematisiert dies – wie als Gegengewicht zu seinem heroisierenden Kreuzesverständnis – am deutlichsten: Auch als Auferstandener trägt Jesus noch die Wundmale. Die Spuren seines Leidens und damit auch die Erinnerung an die Täter, die dieses zugefügt haben, bleiben. So ist das auch bei einem Trauma. Trotz Aufarbeitung und heilender Erfahrungen hinterlässt das Erlebte bleibende Spuren. Man kann es nicht ungeschehen machen. Es kann nur an Macht verlieren – das neue Leben kann die Oberhand gewinnen. Die Wunden des Auferstandenen vernarben nicht, sie bleiben offen auch als Angebot für alle bleibend Verwundeten. Ihre Geschichte wird nicht aufgehoben, sondern verändert sich im Licht der Auferstehung. Der Glauben an den Auferstandenen macht das Unheil der Täter nicht ungeschehen, sondern schenkt den verwundeten Menschen Anteil an der heilenden Kraft der Auferstehung. Die Bibel ist ein Buch voller verwundeter Menschen, mit denen Gott seinen Weg gegangen ist. Es steht so viel über Heil und Heilung in diesem Buch, aber auch über offene Wunden im Innern und im Äußeren. Traumasensibel die Bibel zu lesen bedeutet, diese Verwundungen der Menschen wahrzunehmen und sie auszuhalten, statt wie die Freunde Hiobs vorschnelle Antworten zu geben. Es gilt, auf die Antworten zu warten, die die Bibel uns schenken will.

Dr. Peter Wick ist Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments und Geschichte des Urchristentums an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Präsident der Cansteinschen Bibelanstalt in Westfalen.

Dieser Artikel ist zuerst in Faszination Bibel erschienen. Die Zeitschrift gehört genau wie DRAN zum SCM Bundes-Verlag. Mehr Infos und die Möglichkeit, ein Abo abzuschließen, findest du hier.

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