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Digital Detox im Supermarkt

Einkaufen ohne Reize
Inklusion beim Einkaufen: Die Initiative „Stille Stunde“ will unsichtbare Barrieren abbauen. Denn für viele Menschen ist der Wocheneinkauf eine echte Herausforderung.

Wenn beim Einkaufen in deinem Supermarkt Hintergrundmusik läuft, kann es gut sein, dass du deshalb mehr Geld ausgibst. Das zeigt die im Auftrag der GEMA durchgeführte „Music Impact Studie“. Musik sorgt in Einzelhandel und Gastronomie nicht nur für mehr Umsatz, sondern auch für mehr Motivation bei den Mitarbeitenden und dafür, dass die Kundschaft gute Laune hat. Was aber schnell vergessen geht: Nicht jeder kommt gut mit ständiger Beschallung zurecht. Zwischen 10 und 20 Prozent aller Menschen gelten als neurodivergent – ihr Gehirn funktioniert anders als das, was in unserer Gesellschaft als „normal“ definiert ist. Wer beispielsweise mit Autismus, ADHS oder Hochsensibilität lebt, nimmt Geräusche, Geschmäcker, Gerüche, Licht oder Emotionen oft intensiver wahr. Wenn das Gehirn so viele Reize aufnimmt, dass sie nicht mehr verarbeitet werden können, spricht man von einer Reizüberflutung – einer Überlastung des Nervensystems. Damit haben viele neurodivergente Menschen im Alltag zu kämpfen. Aber auch Menschen mit chronischen Schmerzen, Erschöpfungszuständen, Sinnesbehinderungen oder psychischen Beeinträchtigungen sind betroffen.

PSCHT!

Genau hier will das Projekt „Stille Stunde“ ansetzen: Einmal in der Woche sorgen teilnehmende Supermärkte für eine reizarme Atmosphäre. Sie dimmen das Licht, verzichten auf Durchsagen und Hintergrundmusik, reduzieren die Geräusche an den Kassen, verräumen keine Waren und bitten ihre Kundinnen und Kunden, beim Einkaufen keine lauten Gespräche zu führen. Ob das funktioniert? Ich habe es ausprobiert. Ich gehe nämlich gern einkaufen – theoretisch. Ich mag es, durch die Gänge zu schlendern und mir schöne Dinge anzuschauen. Oder außergewöhnliche Lebensmittel zu finden, mit denen ich etwas Neues kochen kann. Praktisch sieht es oft anders aus: Ich bin müde vom Arbeitstag, stehe vor einem Regal mit gefühlt fünfzig verschiedenen Nudelsorten, hinter mir schieben sich zwei Leute mit ihren Einkaufswägen vorbei, über die Lautsprecher läuft ein nerviges Lied, das ich schon hundertmal auf Social Media gehört habe – unterbrochen von der Stimme eines Mannes, der mich daran erinnert, dass heute der Biomilch-Bergkäse im Supersonderangebot ist – und mein Körper schaltet vor Überforderung auf Autopilot. Ich greife nach der nächstbesten Packung Spaghetti und flüchte in Richtung Kasse. Willkommen in der Welt eines hochsensiblen Menschen.

„ETWAS ZURÜCKGEBEN“

Zugegeben, so schlimm ist es nicht immer. Trotzdem frage ich mich, ob mein Einkaufserlebnis nicht deutlich entspannter wäre, wenn ich meine Kaufentscheidungen in Ruhe treffen könnte – ohne Ablenkungen durch Radiohits, Durchsagen und blinkende Werbebanner. Also setze ich mich in die S-Bahn, fahre an den Stadtrand Essens und treffe mich mit Patrick Geisler. Er ist Kaufmann und Inhaber von drei Rewe-Märkten. In einem davon haben er und sein Team letztes Jahr die „Stille Stunde“ eingeführt. Auf das Projekt wurde er durch Kollegen aufmerksam. Als diese jemanden suchten, der die „Stille Stunde“ in Essen anbieten würde, war Patrick Geisler sofort dabei: „Das passte super. Der Laden sollte sowieso renoviert werden, und danach konnte ich das Konzept einfacher umsetzen. Mit den alten Möbeln wäre es schwieriger gewesen.“ Der Kaufmann führt mich durch den Laden und weist auf einige Besonderheiten hin: Die digitalen Anzeigetafeln über den Obst- und Gemüseregalen sind ausgeschaltet. Es läuft keine Musik und es werden auch keine Durchsagen gemacht. „Man hört sogar die Kühltruhen brummen. Das ist ein gutes Zeichen“, erklärt er. „Sonst hört man das in einem Supermarkt nicht, weil es zu laut ist.“ Ein guter Punkt, denke ich. Denn es ist nicht so leise, wie ich erwartet hatte. Einkaufswägen rollen klappernd über den Boden, manche Kunden telefonieren laut oder unterhalten sich. Auch das Piepen der Kassen höre ich noch. Patrick Geisler erklärt: „Die piepen tatsächlich immer ein bisschen. Aber leiser als sonst – ganz ausschalten können wir das leider nicht.“ Er bittet einen Kunden, leiser zu sprechen. Die meisten Maßnahmen sind nicht besonders schwer einzuhalten, erzählt der Inhaber des Supermarktes. „Der Aufwand ist für uns überschaubar. Wenn ich damit Leuten helfen kann, warum nicht? Für mich geht es auch darum, etwas zurückzugeben.“ Am schwierigsten sei es, die „Stille Stunde“ jede Woche perfekt umzusetzen. Manchmal passieren Alltagsfehler. Patrick Geisler zeigt auf einige Lampen: „Die kann man eigentlich ausschalten. Das wurde heute vergessen.“

UNPERFEKT

Ich finde das nicht schlimm – eher sympathisch. Generell realisiere ich: Bei der „Stillen Stunde“ geht es nicht um Perfektion. Ein Supermarkt ist keine Stadtbibliothek, und die Alltags-Geräuschkulisse darf sein. Das Klappern der Einkaufswagen, Kühltruhen-Surren und auch das (wenn auch etwas zu laute) Reden der Kunden haben etwas Natürliches, Menschliches an sich. Alles fühlt sich ein bisschen echter an als sonst. Ungefiltert. Ich schlendere noch ein wenig durch den Laden, suche mir einen Smoothie aus und einige andere Dinge, die auf meiner Einkaufsliste stehen. Mein Körper ist seltsam entspannt, fast schon friedlich. Es ist, als würde der Supermarkt heute Digital Detox machen. Kann das nicht immer so sein? Mir fällt auf, dass einige Kundinnen und Kunden – vor allem junge Leute – mit Kopfhörern durch die Gänge laufen. Irgendwie schade, dass wir ständig und überall Unterhaltung brauchen. Ich glaube, durch die konstante Beschallung geht vielen Alltagsmomenten die Tiefe verloren. Es tut gut, die Stille wirken zu lassen und sich mal nur auf eine Sache zu konzentrieren. Als ich meinen Einkauf bezahlt habe, spreche ich eine Kundin an. Wie fand sie das besondere Einkaufserlebnis? „Oh, mir ist das nicht aufgefallen. Ich kenne das gar nicht.“ Erst jetzt, wo ich frage, nimmt sie die ruhigere Atmosphäre wahr. Extra wiederkommen würde sie dafür aber nicht: „Ich mag es lieber mit Musik.“ Von vielen anderen Kunden bekommt Patrick Geisler ein positives Feedback. Menschen sind eben unterschiedlich. Und genau deshalb feiere ich das „Stille Stunde“-Projekt. Es schafft Raum für diejenigen, die vom Alltagsleben unserer Gesellschaft eingeengt werden. Es ermutigt, kleine Schritte zu gehen, um Großes zu bewirken. Für das Rewe-Team in Essen ist es eine Viertelstunde Vorbereitungszeit. Für mich eine enorme Entlastung. Darum geht es Patrick Geisler auch: „Ob dabei Ertrag rumkommt, ist mir egal. Wenn zwei Leute wöchentlich hier hinkommen und sagen: ‚Das erleichtert mir mein Einkaufen‘, habe ich gewonnen. Und die Leute, die sowieso da sind, stört die ‚Stille Stunde‘ nicht.“ Umsatzverluste wegen der fehlenden Hintergrundmusik beobachtet er bis jetzt nicht.

GERNE MEHR DAVON!

Gäbe es einen „Stille Stunde“-Supermarkt in meiner Stadt – ich wäre Stammkundin. Gibt es aber nicht, und das finde ich schade. Die „Stille Stunde“ ist nämlich noch nicht so weit verbreitet. Nur 184 von tausenden Supermärkten Deutschlands sind Teil des Projekts. Teilweise hat das auch gute Gründe: Die „Stille Stunde“ ist gar nicht in jedem Laden umsetzbar, erklärt Patrick Geisler. „In einem anderen meiner Rewe-Märkte würde das gar nicht funktionieren. Der ist in einem Einkaufszentrum, da sind hauptsächlich Jugendliche, die spontan kommen und sich etwas zu trinken kaufen. Ich sehe manchmal Gruppen von bis zu acht Leuten. Da ist zu viel Trubel für die ‚Stille Stunde‘. Aber es sollte schon möglich sein, das in einer so großen Stadt wie Essen zehnmal anzubieten.“ Wäre die „Stille Stunde“ flächendeckend etabliert, würde das den Alltag vieler Menschen spürbar erleichtern. Denn wenn der Fahrtweg schon lang und stressig ist, bringt die reizarme Zeit beim Einkaufen den Betroffenen auch nichts. Natürlich kann und muss nicht jeder Supermarkt von heute auf morgen barrierefrei werden. Gute-Laune-Musik, strahlende Lichter und einprägsame Werbeslogans haben ihren Platz und ihre Berechtigung. Ich lieb’s, wenn Menschen sich kreativ ausdrücken und das in der Öffentlichkeit sichtbar wird. Aber genauso liebe ich es, wenn wir gelegentlich darauf verzichten – um Rücksicht auf andere zu nehmen und unseren reizüberfluteten Seelen eine kleine Pause zu gönnen. Die Welt ist laut, und deshalb sind stille Stunden umso wertvoller.

 

Malin Georg ist Volontärin im Bundes-Verlag.

ÜBRIGENS:

Die Idee für die „Stille Stunde“ hatte ein Angestellter der neuseeländischen Supermarktkette „Countdown“, der Vater eines autistischen Kindes ist. Seit 2019 hat Countdown die „Quiet Hour“ flächendeckend etabliert. Auch in Österreich und in der Schweiz gibt es einzelne Unternehmen, die die „Stille Stunde“ anbieten. In deutschen Discountern wie Aldi, Lidl, Netto und Penny läuft grundsätzlich keine Hintergrundmusik. Hier geht es um einen möglichst schnellen und günstigen Einkauf – während in Supermärkten wie Kaufland, Edeka und Rewe das Einkaufserlebnis wichtig ist.

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