Home

Artikel

DRAN

Podcast

Ein langer Weg

Harte Kindheit, schönes Leben
Ihre Kindheit ist vom strengen und dominanten Großvater geprägt. Heute kann Myriam Geister trotzdem von Liebe sprechen.

Das Fleisch, auf dem ich kaute, war mal wieder zu zäh gekocht. Ich kaute und kaute, aber bekam es kaum runter. Ich wusste mit meinen sechs Jahren, was das bedeutete. Wenn ich diesen Teller mit dem zähen Fleisch nicht aufessen würde, müsste ich wieder in den Garten gehen, einen Ast von der großen Tanne abreißen und ihn meinem Opa bringen. Der schälte diesen Ast und ließ ihn zehnmal auf meinen nackten Hintern krachen.

Der Taktgeber

Unaufgegessene Teller, zu lautes Streiten mit meinen Geschwistern oder sonstiges unartiges Verhalten endete damit, dass Opa „uns die Rute gab“. Kontrolliert. Emotionslos. Die Schläge waren abgezählt. Keiner im Haus wagte etwas dagegen zu sagen, wenn jemand den Hintern versohlt bekam. Was Opa sagte, war Gesetz. Er saß immer an der gleichen Stelle am Tisch, sprach das Mittagsgebet und sagte, wenn ein Gesprächsthema am Tisch nicht angemessen war. Alle wechselten das Thema, wenn er es wollte. Und wenn jemand nicht ganz verstanden hatte, was erlaubt war und was nicht, reichte ein Brüllen von Opa und alle wussten wieder, was zu tun war. Er las uns regelmäßig die Bibel vor. Dazu musste geschwiegen werden. Keine Fragen. Kein Dazwischenreden. Er blätterte die Seiten mit seinen großen dreckigen Händen, die von der täglichen Arbeit in seiner Gärtnerei aufgeraut waren. Die Gärtnerei grenzte direkt an unser Familienhaus an. Alle, die im Haus wohnten, arbeiteten dort mit. Seine Kinder, Schwiegerkinder, Enkel. Alle. Und Opa war der Taktangeber dieses Dreigenerationenhauses. Es wurde von frühmorgens bis abends spät geackert. Keiner wagte es, gegen ihn zu sprechen. Auch ich als Kind lernte ganz automatisch zu schweigen. In unserem kleinen ostdeutschen Ort kannten alle unsere Gärtnerei, aber scheinbar wusste niemand, wie es dort zuging. Es waren die 90er und vielleicht steckte noch die DDR-Kultur in uns allen, in der man gelernt hatte, nichts zu erzählen. Auch als eine Frau bei uns einzog, die offiziell eine Mitarbeiterin in der Gärtnerei war, aber nebenbei auch die Geliebte meines Opas, zu der er jede Nacht ging, brach niemand sein Schweigen.

Die Veränderung

Und dann kam der erste von mehreren Schlaganfällen. Plötzlich war Opa ein Pflegefall. Ab jetzt lag er die meiste Zeit im Bett. Der Platz am Tisch war plötzlich leer. Einer musste das Tischgebet sprechen. Und das machte nun Oma. Auch sie las uns die Bibel vor, aber alles, was sie sagte, klang anders. Netter. Und wir durften sogar Fragen stellen oder über Sachen reden, die Opa als „Quatsch“ empfunden hätte. Von heute auf Morgen gab es keine Schläge und kein Brüllen mehr von ihm. Ich verbrachte immer viel Zeit im Wohnzimmer meiner Großeltern, spielte dort, schaute fern oder machte Hausaufgaben. Und ich hörte Oma dadurch täglich beten. Sie betete lang und sagte dabei immer wieder: „Oh, Herr Jesus, ich liebe dich!“ Liebe. Das Wort hatte ich nicht so oft gehört, aber ich verstand schnell, dass meine Oma diesen Jesus sehr lieb hatte. Und ich verstand auch, dass dieser Jesus lieb zu sein schien. Oma betete täglich für alle ihre Enkel. Jeden einzelnen erwähnte sie mit Namen und sie wusste auch immer, in welcher Situation das Enkelkind gerade steckte und betete für diese. Und was ich immer am verrücktesten fand: Sie liebte Opa so sehr! Sie erzählte ständig, wie sie sich in ihn verliebt hatte und dass nicht alles leicht ist, aber sie nichts bereut und ihn trotz allem so sehr liebt.

Der Pflegefall

Ich hatte eine Reihe von Gefühlen gegenüber meinem Großvater: Wut, Hass, Gleichgültigkeit. Aber Liebe war da nicht bei mir zu finden. Also saß ich viele Jahre in Omas Wohnzimmer und lernte immer mehr, was Liebe zu sein schien. Und ich fing an, an diesen lieben Herrn Jesus zu glauben, auch wenn ich nicht viel verstand. Und Opa lag ebenfalls im Wohnzimmer im Pflegebett. Er war sehr schwach und nur wenige Worte kamen noch über seine Lippen. Aber er und ich hörten bei allem zu. Wie Oma betete, Lieder sang, Bibel TV schaute, mit anderen am Telefon über Jesus redete und die Bibel laut vorlas. Tag für Tag. Eines Tages ging ich wieder ins Wohnzimmer meiner Großeltern. Oma war nicht da und ich sah, wie Opa versuchte, unter viel Stöhnen allein aufzustehen. Da roch ich es plötzlich: Es war zu spät. Er hatte sich bereits in die Hose gemacht. Ich schaute mich um, aber da war natürlich niemand. „Komm, ich helf dir!“, sagte ich. Sein Gesichtsausdruck und seine Gestik verrieten mir, dass er das nicht wollte. Ich wollte es auch nicht. Also schwiegen wir beide und gingen an die Arbeit. Das zum Bad Laufen, das Waschen und das Anziehen dauerte eine Ewigkeit. Wahrscheinlich beteten wir beide, dass es schnell vorbeiginge. Als er wieder auf seiner Bettkante saß und ich ihm beim Hinlegen helfen wollte, schubste er mich mit seiner großen, rauen Hand weg, nach dem Motto: „Den Rest schaffe ich allein.“ Und in diesem Moment durchfuhr es mich wie ein Blitz: Er wollte meine Hilfe nicht. Natürlich nicht! Denn vor mir saß ein Mann, der Zeit seines Lebens nicht gelernt hatte, Liebe zu empfangen. Ich ahnte in dem Moment, dass er wahrscheinlich selbst als Kind geschlagen und hart behandelt wurde. Aber in diesem Lebensabschnitt, in dem er jetzt ein Pflegefall war, musste er unsere Liebe annehmen. Ob er wollte oder nicht. Seine Kinder, seine Enkel, fremde Menschen, die als Pflegepersonal vorbeikamen, umarmten ihn beim Hochheben, fütterten ihn, tätschelten seine Hand, redeten mit ihm und sprachen das Abendgebet für ihn.

Die Vergebung

Es dämmerte mir: Wir geben diesem Mann, der innerlich eigentlich nur ein kleines verletztes Kind ist, das, was er nie bekommen hat: Liebe! Einfach rohe und pure handfeste Liebe! Und es war, als würde Jesus in diesem Moment die Worte zu mir flüstern, die er auch am Kreuz sprach: „Vergib ihm, denn er wusste nicht, was er tat“ (Lukas, Kapitel 23, Vers 34). Und das war der Moment, in dem ich meinem Opa vergeben konnte. Ich ließ meinen Groll in einer Sekunde auf die nächste los. Und ich entschied mich, das zu tun, was Jesus hier tun wollte: diesen Mann einfach zu lieben. Bis heute fühle ich für meinen Opa nur reine, mitfühlende Liebe. Keinerlei Wut oder Groll. Das verdanke ich voll und ganz Jesus, der mir das in diesem Moment aus purer Gnade geschenkt hat. Und vielleicht auch meiner Oma: die täglich für mich gebetet hat und mir gezeigt hat, diesen Menschen zu lieben.

Myriam Geister ist in Sachsen aufgewachsen und lebt heute mit ihrer Familie im Schwarzwald. Sie ist Theologin und Predigerin.

Dieser Artikel ist zuerst im lebenslust Special Ostern erschienen. lebenslust gehört wie DRAN zum SCM Bundes-Verlag. Das Heft eignet sich zum Weitergeben und kann hier bestellt werden.

No posts found

DRAN Newsletter

Verpasse keine Neuigkeiten mehr!

Unsere Top-Empfehlungen

„Ich habe gelernt, zu glauben, ohne zu sehen.“

Tabea ist 22 Jahre alt, als sie die Diagnose Eierstockkrebs bekommt. Kurz nach der Operation geschieht das Unfassbare: Sie wird schwanger. Doch dann verliert sie ihr Kind. Im Interview erzählt sie, wie sie mit Trauer umgeht, was ihr Hoffnung gibt und warum sie ihren Glauben öffentlich teilt.