Als ich ein kleines Mädchen war, da stellte ich mir Gott ganz klassisch auf einer Wolke vor. Er war weit weg, aber bekam alles mit. Er wusste alles und konnte alles. Einmal betete ich, er möge die Hausaufgabe in mein Heft zaubern, die ich vergessen hatte. Ich traute es ihm zu. Als das Heft am nächsten Tag immer noch leer war, da dachte ich: »So ist das. Gott hat Wichtigeres zu tun.«
In meiner Vorstellung machte Gott keine Fehler, war oft der Meinung meiner Eltern und begegnete mir in den Geschichten der Kinderkirche als einer, der früher mal Großes getan hatte, jetzt aber schon eine ganze Weile nicht mehr aufgetreten war. Ich mochte diesen Gott, aber ich hatte auch manchmal Angst vor ihm. Ich behielt ein grundlegendes Gottvertrauen, auch wenn sich meine Gottesvorstellung verändern würde.
Schwarz und Weiß
Später dann, ich hatte mittlerweile ein Abo beim Bibellesebund, war ich überzeugt davon, dass Gott einen Plan für mein Leben hatte. Es galt nun, diesen Plan herauszufinden. Ich las jeden Tag in der Bibel, was mir manchmal sehr leicht fiel und manchmal sehr schwer. Die anderen sagten, bei Gott gäbe es Schwarz und Weiß, Böse und Gut, Falsch und Richtig. Manchmal sagte ich das auch. Bei einer Wahlsimulation in der Schule wählte ich die Partei Bibeltreuer Christen. Ich dachte, damit könne man nichts falsch machen, und war zugegebenermaßen stolz darauf, mich vor den anderen als besonders fromm geoutet zu haben. Ich behielt den Wunsch, im besten Sinne fromm zu sein, auch wenn sich mein Verständnis von »fromm« verändern würde.
In der Oberstufe begegnete mir eine Religionslehrerin, bei der der Unterricht plötzlich zu harter Denkarbeit wurde. Das gute Handeln, die Wirklichkeit und Gottes Offenbarung waren nicht mehr eindeutig. Man konnte streiten, man konnte sich reiben, und manchmal musste man beherzt sagen: Das weiß ich nicht so genau.
»Pass auf, dass du deinen Glauben nicht verlierst.«
Ich hatte schon lange vor, selbst einmal Religionslehrerin zu werden, aber nun hatte ich auch Lust, Theologie zu studieren. Gespannt und ein bisschen aufgeregt schrieb ich mich an der Universität ein. Mein damaliger Hauskreis sagte: »Pass auf, dass du deinen Glauben nicht verlierst.« Ich behielt das Kopfschütteln darüber, dass man sich von Gott entfernt, wenn man sich ihm auch mit der Vernunft zu nähern versucht, auch wenn mein Glaube nicht im Denken allein aufgehen würde.
Im Studium habe ich viel gelesen und viel gelernt. Manche sagten, wenn man ihn verstanden hätte, wäre es nicht Gott. Und: Gott, das sei immer das ganz und gar Andere. So haben sich manche Gewissheiten verflüchtigt, das Schwarz und Weiß hat tatsächlich nicht immer getragen. Gott wurde aber nicht grau, sondern bunt. Er war kein alter weißer Mann mehr, vielleicht nicht einmal mehr ein Mann, und hatte ein Herz für die Unterdrückten. Er (oder sie - das sind ja eigentlich menschliche Kategorien) zeigte sich in Bildern und ganz besonders in Jesus von Nazaret. Sein Name bedeutet »da sein« (Exodus 3,14) und »Liebe« (1 Johannes 4,8). Alles andere lässt er offen.
Fragen
Diese Offenheit fordert mich heraus, denn manchmal fühlt sie sich fast wie Nichts an. Je mehr ich von der Bibel verstehe, desto reicher und relevanter wird sie für mich, obwohl es auch Stellen gibt, die mir nichts sagen oder von denen ich mich sogar abgrenze. Ich glaube, das ist okay für Gott. Er hat sie ja nicht geschrieben. Große Fragen halten mich und meinen Glauben wach. Die Frage nach dem Leid, die Frage nach meiner Rolle in der Welt, die Frage nach dem Sinn des Lebens. Gott hat sie mir bisher nicht beantwortet. Dafür hat sie mich oft auf die Schönheit der Schöpfung hingewiesen, hat sich mir in einem Lied oder einer Pfingstrose gezeigt. Manchmal hat mich Gott aus den Augen eines Kindes angeschaut.
Mein Glaube heute
Heute ist es mein Beruf, mit Kindern und Jugendlichen über Gott und die Welt zu reden. Ich muss sagen, sie stellen sehr gute Fragen! (Ansonsten lernen sie es von mir.) Von meinen jüdischen Geschwistern habe ich gelernt, G*tt zu schreiben. Darin wird deutlich: G*tt ist mehr, als ich denke und (bisher) von ihm erkannt habe. Sympathisch finde ich, dass G*tt dreieinig ist: so bergend wie Eltern, so menschlich wie ich, so beflügelnd wie eine neue Idee oder eine frische Brise am Meer. Ein G*tt, der selbst vielfältig ist, wird sicher nicht bedroht von Menschen, die vielfältig leben und lieben, wohl aber von solchen, die die Würde der anderen mit Füßen treten. Die Botschaft G*ttes ist manchmal also politischer, als es mir lieb ist. Ob G*tt die CDU wählen würde, wage ich allerdings zu bezweifeln.
Ich treffe G*tt gern in der Online-Wohnzimmerkirche, wenn ich mit vielen anderen Glaubenden »Fix You« singe (das steht aber nicht im Evangelischen Gesangbuch) und alten Geschichten in neuen Worten lausche (die stehen meist in der Bibel, also die alten Geschichten). Dazu trinke ich Kaffee oder abends Wein. Wenn ich eine neue Stadt erkunde, dann gehe ich gern in die Kirchen und schaue mir an, wie sich die Menschen hier G*tt vorstellen. Einmal habe ich dabei auch getanzt. Ich glaube, darüber hat G*tt sich gefreut.
Heute gebe ich G*tt den Namen
»Treue. Du ewig neue«.
Christina Brudereck
Kathleen Frank ist Lehrerin und wohnt mit ihrem Mann in der Nähe von Stuttgart. Mehr zu ihr unter schreib-selig.de

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Losleben", das im Verlag Vier Türme erschienen ist. Hier geht's zum Buch