Manchmal gibt Gott Menschen eine neue Sprache, die sie sprechen können. Das ist in 99,9 Prozent der Fälle keine Landessprache, die es bereits auf der Welt gibt, wie zum Beispiel Portugiesisch oder Japanisch, sondern eine neue unbekannte Sprache.*
Aus der Forschung
Andrew Newberg hat im Jahr 2006 gemeinsam mit einem Team an der University of Pennsylvania verschiedene Gebetsformen und deren Auswirkungen auf den Menschen untersucht: liturgische Gesänge bei Franziskanermönchen, Gebete bei Buddhisten und Zungenrede bei Menschen christlichen Glaubens. Man stellte fest, dass beim Sprachengebet die vorderen Frontallappen des Gehirns (präfrontaler Kortex) fast inaktiv waren. Hier befindet sich das Sprachzentrum, das beim Reden eigentlich besonders aktiv sein sollte. Genau das Gegenteil war aber der Fall. Gleichzeitig waren alle anderen Hirnareale aktiv, die für die Körperbeherrschung wichtig sind. Newbergs Fazit damals war: Zungenrede ist eine Sprache, die nicht vom menschlichen Sprachzentrum zu kommen scheint. Gleichzeitig hat der Mensch volle Kontrolle darüber. Die betende Person kann anfangen und aufhören, wann sie will, genauso kann sie laut, leise, singend oder flüsternd beten. Es stellt sich nur ein minimaler Rauschzustand ein, also keine Ekstase, die einen Menschen überwältigt. Das deckt sich mit dem, was Menschen berichten, die das Sprachengebet geschenkt bekommen haben. In einer weiteren Studie am Forschungszentrum des Virovitica- Krankenhauses in Kroatien stellte man fest, dass Zungenrede den Menschen guttut. Es setzt ein Regressionszustand ein, der Stress und Angst bewältigt. Das deckt sich auch mit den Aussagen von den Menschen, die in Zungen reden. Sie erzählen, dass es ihnen guttue. Sie beteten immer dann gern in Zungen, wenn sie keine Worte mehr hätten, sie ihrer Freude Ausdruck geben oder etwas singen wollten. Sprachengebet ist also eine sehr schöne Sache.
Was wird gesprochen?
Die Frage ist nun: Was wird im Sprachengebet eigentlich gesprochen? Nun, da gibt es unterschiedliche Meinungen – mal wieder. Deswegen bin ich zu den Menschen gegangen, denen Gott die Gabe geschenkt hat, das Sprachengebet auszulegen. Ich musste ein bisschen suchen, denn es gibt nicht so viele davon. Aber ich wurde fündig. Sie erklärten mir, dass man das Sprachengebet meistens auf zwei Arten auslegen könne.
Die erste Art ist, das Gehörte einfach Wort für Wort zu übersetzen, wie zum Beispiel aus dem Japanischen ins Deutsche. Die andere Art ist spezieller: Die Zungenrede wird dann nicht Wort für Wort übersetzt, sondern das Gesagte wird „ausgelegt“, man interpretiert das Gehörte und gibt also mehr oder weniger den Inhalt oder eine Deutung des Sprachengebets wieder. Okay, ich gebe es zu: Das hat mich erst mal kritisch gemacht. Klingt fast so, als ob man beim „Auslegen“ einen Horoskop-Spruch aufsagen würde, der mega allgemeingültig ist und insofern gleichzeitig alles und nichts aussagt. Einige Personen boten mir dann an, meine Zungenrede auszulegen. Aber: Bitte hype jetzt nicht, dass ich die Zungenrede habe. Ich bin ganz normal und scrolle genau wie jeder andere Mensch viel zu lang auf Instagram herum. Die Auslegung hat mich dann aber doch ziemlich geflasht. Was diese Personen ausgelegt haben, traf sehr genau auf mich zu. Mein Sprachengebet schien in dem Moment meine allerintimsten Gebete ausgedrückt zu haben. Gleichzeitig offenbarte es ganz viel über meine Persönlichkeit und darüber, was Gott in mich hineingelegt hat. Die Leute kannten mich nicht und konnten nicht wissen, wie mein Innerstes zu diesem Zeitpunkt aussah, welche Persönlichkeit ich habe und was mich ausmacht. Diese Auslegungen waren, ich kann es nicht besser sagen, direkt von Gott. Also, Sprachenauslegung gibt es tatsächlich.
Das Problem
Hach ja, dieses Sprachenreden könnte eine so schöne Sache sein. Wäre da nicht das: Einige Menschen, die in anderen Sprachen sprechen, fühlen sich ein bisschen wichtiger und richtiger, und einige Menschen, die danebenstehen und nicht die Sprachenrede empfangen haben, fühlen sich nichtiger. Das ist blöd und garantiert nicht Ziel der Sache. Ich kann euch nämlich verraten: Menschen, die das Sprachengebet bekommen haben, können in dem einen Moment in den schönsten Zungen plappern und im nächsten Moment lügen, Steuern hinterziehen, ihr Kind schlagen oder stolz und überheblich sein. Kein Wunder, dass Paulus lang und breit in 1. Korinther 13 und 14 das Sprachengebet einordnet. Schon damals schien bei einigen Stolz und bei anderen Neid aufgekommen zu sein. Über dreißig Bibelverse widmet Paulus allein der Frage, wie das jetzt mit dem Sprachengebet in der Praxis zu handhaben sei. Kurzum sagt er zwei Dinge:
- Zungenrede ist der Liebe unterstellt. Zu lieben ist also wichtiger und besser als Zungenrede. Und überhaupt ist Liebe das Größte, weil Gott selbst Liebe ist. Punkt.
- Das Sprachengebet ist zwar für einen selbst gut und schön, bringt aber anderen Menschen nichts – es sei denn, es wird für alle ausgelegt. Deswegen „will ich lieber fünf verständliche Worte sagen, damit auch andere ´einen Gewinn davon haben und im Glauben ` unterrichtet werden, als zehntausend Wörter in einer Sprache, ´die keiner versteht `“ (1. Korinther 14,19).
Es ist demnach viel wichtiger, dass wir Dinge tun, die uns allen etwas nützen. Wenn ich diese über dreißig Bibelverse von Paulus lese, höre ich da etwas raus, das er zwischen den Zeilen zu ein paar Leuten in der Gemeinde sagen wollte. Aber er ist zu schweizerisch-freundlich, um es direkt zu sagen. Deswegen will ich es noch mal auf Hochdeutsch übersetzen: „Seid bitte nicht sensationsgeil, wenn es um Zungenrede geht! Hyped das bitte nicht so. Weder ihr, die ihr in Sprachen redet, noch die, die das Sprachengebet gern hätten. Es macht niemanden heiliger oder klüger. Du bist nicht näher an Gott dran, nur weil du in Zungen redest. Und du bist nicht weniger von Gott gesehen, wenn du nicht in Zungen redest.“
Der Hype
Zungenrede hat also einen megakleinen Stellenwert, aber wir pushen das zu hoch, weil es so spektakulär ist. Das ist so, als würde auf dem Feld neben der Autobahn eine Rehfamilie stehen und die Autos immer langsamer werden, um zu gucken, und dabei nicht merken, dass sie den Verkehr aufhalten. Genauso bleiben wir manchmal vor der Zungenrede stehen und hypen sie so sehr, dass wir dabei den wichtigeren geistlichen Verkehr aufhalten. Es gibt so viele andere und wichtigere Dinge, die wir als Christenmenschen tun können. Natürlich kannst du sehr gern dafür beten, die Zungenrede zu erhalten. Keine Frage, mach das, wenn du das möchtest. Es ist eine schöne und wertvolle Sache, wenn du sie geschenkt bekommst. Ich gönne es jedem. Aber wenn du es nicht hast oder nicht bekommen solltest, freue dich über deine vielen, vielen anderen Gaben und fahre weiter. Es liegt noch viel Strecke vor uns auf Gottes großer Autobahn.
Myriam R. J. Geister
*Ich bin lange auf die Suche gegangen nach Menschen, die eine Landessprache von Gott geschenkt bekommen haben. Das heißt dann nicht Glossolalie, sondern Xenoglossie. Ich bin fündig geworden und habe mich auch mit solchen Menschen unterhalten, die Deutsch, Hindu und verschiedene afrikanische Sprachen geschenkt bekommen haben. Das ist eine seltene Sache, aber auch das scheint es zu geben. Gott ist einfach crazy!
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Heiliger Geist für Normalos" von Myriam R. J. Geister, das im Mai bei Gerth Medien erschienen ist.
