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Zweifel beim Bibellesen

Wie du ihnen begegnen kannst
Nicht immer checken wir gleich, was Gott uns in der Bibel sagen will. Hier sind Tipps, um Zweifeln beim Bibellesen besser zu begegnen.

Es gibt Tage, da lese ich die Bibel und bin total ermutigt. Die Geschichten berühren mich, ich kann neue Perspektiven sehen und bin begeistert von Gott. Und dann gibt es Tage, an denen ich die Bibel lese und einfach nur frustriert bin. Frustriert, weil ich sie nicht verstehe. Weil ein Satz vermeintlich dem nächsten widerspricht. Weil Gott sich in den Geschichten nicht so verhält, wie ich es angebracht fände. Und weil ich manchem, das ich lese, einfach nicht zustimmen kann und mich selbst dafür verdamme.

Denn eigentlich habe ich mich ja entschieden, dass das die Wahrheit ist, auf der ich mein Leben aufbauen möchte. Noch vor einiger Zeit hat mich das ziemlich aus der Bahn gehauen. Ich hatte regelrechte Glaubenskrisen und habe mich tagelang total geärgert. Gott sei Dank durfte ich über die letzten Jahre ein paar Schlüssel kennenlernen, die mir das Bibellesen, trotz Zweifel, leichter machen.

1. Die Bibel wurde nicht geschrieben, um mir angenehm zu sein

Lies mal Hebräer 4,12. Da steht: „Das Wort Gottes ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert.“ Klingt nicht so entspannt, oder? Ich zumindest lese lieber die Bibelstellen zum Wohlfühlen. Mir ist aufgefallen, dass mir besonders bei den Teilen der Bibel Zweifel kommen, die in starkem Gegensatz zum Zeitgeist stehen. „Solange es sich für dich gut anfühlt, bist du auf dem richtigen Weg!“, würde wahrscheinlich der Trailer zur Gen-Z heißen. Mit dieser Einstellung ist es schwierig, solchen herausfordernden Bibelstellen Raum in unserem Leben zu verschaffen, geschweige denn, klare Standpunkt nach außen zu vertreten.

Man wird heute ordentlich schräg angeschaut, wenn man sagt, dass es nur eine Wahrheit gibt. Und auch, wenn man zu anderen Themen einen biblischen Standpunkt bezieht, eckt man an. Doch ich glaube, Gott hat uns Wahrheiten mitgegeben, die über Zeiten und Kulturen hinweg gelten, weil sie gut für uns Menschen sind. Wenn ich die Bibel lese, ist das für mich ein guter Weg zu überprüfen, ob ich mich gerade mehr von der Welt, in der ich lebe oder von Gottes Wort beeinflussen lasse. Angenehm ist das nicht. Aber wenn wir echte Jesus-Nachfolger sein wollen, heißt das, wir müssen bereit sein, uns auch mit unangenehmen Dingen zu konfrontieren.

2. Den Kontext anschauen

Womit ich außerdem nur schwer zurechtkomme, sind Stellen, die für mich widersprüchlich scheinen: Beispielsweise störe ich mich an den gewalttätigen Auseinandersetzungen im Alten Testament, die von Gott angestiftet wurden. Es wäre mir lieber, wenn Gott ein radikaler Pazifist wäre. Erleichtert lese ich dann Bibelstellen, in denen er als Friedefürst (Jesaja 9,6) und Friedensgeber (Johannes 14,27) beschrieben wird. Gleichzeitig passt das nicht ganz zusammen, oder? Die Sache mit Krieg und Frieden ist nur eines von vielen Spannungsfeldern, die die Bibel aufwirft.

Vor einigen Jahren habe ich hierzu eine spannende Entdeckung gemacht: Dass sich das griechische Denken, von dem wir heute sehr geprägt sind, deutlich vom hebräischen Denken, in dessen Tradition die Bibel hauptsächlich geschrieben wurde, unterscheidet. Die griechische Tradition ist sehr von Dualismen und dem Anspruch auf Wahrheit ohne Widerspruch geprägt. Im hebräischen Kulturkreis hingegen betrachtet man die Dinge weniger in Gegensätzen: Zum Beispiel werden Leib (körperlich) und Seele (nicht-körperlich) nicht als getrennte Dimensionen verstanden, sondern zusammengedacht. Mich mit solchen Hintergründen zu beschäftigen, hilft mir immer wieder, mit Zweifeln beim Bibellsen umzugehen.

3. Die Brille ist entscheidend

Ich habe gelernt, dass es entscheidend ist, welche Brille ich beim Bibellesen aufsetze. Und damit meine ich keine optische Sehhilfe, sondern eine Herzenseinstellung. Allzu gerne lese ich die Bibel durch die Brille meines eigenen Denk- und Urteilsvermögens: Wenn mir dann etwas unlogisch, unfair oder veraltet erscheint, beurteile ich es als schlecht. Doch die Bibel sagt uns, wir sollen uns nicht auf unseren eigenen Verstand verlassen, sondern Gott vertrauen und seine Wege anerkennen (Sprüche 3,5-6).

Das ist zugegebenermaßen keine leichte Übung, aber es ist für mich existenzieller Teil meines Glaubens: mich zu entscheiden, dass ich Mensch und nicht Gott bin, und es loszulassen, alles verstehen zu müssen. Nicht weil ich glaube, dass Gott ein Problem mit meinen Fragen und Zweifeln hat, sondern weil er es wert ist, dass ich meinen Stolz ablege und anerkenne, dass er um ein Vielfaches größer ist als ich das mit meinem menschlichen Denken fassen kann. Ich erinnere mich daran, dass Gott ein liebender, barmherziger und gerechter Gott ist. Wenn diese Dinge für mich feststehen, kann ich ganz anders an die Bibel herangehen und es fällt mir leichter, zu fragen „Gott, wieso steht das so in deinem Wort?“, ohne dabei in grundlegende Glaubenskrisen zu stürzen.

4. Die Bibel ist eine Beziehungseinladung

Hätte Gott gewollt, dass wir nach einem rigiden Regelwerk leben, wäre die Bibel wahrscheinlich anders geschrieben. Fakt ist, die Bibel lässt immer wieder Raum für Interpretationen offen, das zeigen die vielen theologischen Auseinandersetzungen bis heute. Wäre alles eindeutig, müssten wir Gott nicht suchen und nicht mit ihm ringen. Und ich glaube, genau das wollte er bezwecken: dass wir mit ihm in Beziehung treten.

In einer menschlichen Beziehung ist es ja auch so, dass wir nicht immer einer Meinung sind und uns einander immer wieder erklären müssen. Diskussionen, Konflikte und Zweifel sind normale Bestandteile unseres Miteinanders, wieso also nicht auch in der Beziehung zu Gott? Selbst biblische Helden wie Mose haben mit Gott diskutiert – und er hat daraufhin manchmal sogar seine Pläne verändert (2. Mose 32,7-14). Wenn wir uns also mit der Bibel schwertun und auf Zweifel stoßen, können wir das ja als Einladung in eine Diskussion mit Gott sehen. Natürlich ist Gott allwissend und wird am Ende das letzte Wort haben. Und doch glaube ich, dass er es liebt, wenn wir mitsamt unseren Fragen und Zweifeln vor ihn kommen.

5. Bei Jesus ist Klarheit

Auch heute hadere ich manchmal mit Gottes Wort. Aber ich kann mittlerweile besser annehmen, dass ich nicht alles verstehen muss. Ich weiß in meinem Herzen, dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Darin ist die Bibel glasklar und darin suche ich Ruhe, wenn mich schwierige Bibelstellen mal wieder ein paar Nerven kosten. Die Evangelien sind für mich ein guter Ort, an den ich zurückkomme, wenn mir andere Bibelstellen Zweifel bereiten.

Ich bete vor dem Bibellesen um die Leitung des Heiligen Geistes. Und wenn mich doch mal wieder eine Bibelstelle zur Verzweiflung bringt, frage ich einen erfahreneren Menschen, ob er sie mit mir bespricht. Schließlich mache ich mir bewusst, dass Gott während des Bibellesens bei mir ist und es okay ist, Zweifel zu haben, verwirrt oder überwältigt zu sein. Denn er ist es nicht.

Clara Hinteregger

lebt in Innsbruck und arbeitet als Heilpädagogin.

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